2009.07.23 Neuss : "Magier" Stenzel wird 75

Weltmeister-Trainer Vlado Stenzel wird 75. Der Coach der deutschen Handball-Weltmeister von 1978 ging als "König von Kopenhagen" in die Sportgeschichte ein.

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Vlado Stenzel prägte als Bundestrainer den deutschen Handball

Das Bild ging um die Welt. Es zeigt glückselige Handballer wie Heiner Brand, Erhard Wunderlich, Joachim Deckarm oder Kurt Klühspies, die Vlado Stenzel auf den Schultern durch die Bröndby-Halle tragen. Auf Stenzels schon gelichtetem Haupt sitzt eine Pappkrone, die ihm deutsche Fans nach dem 20:19-Triumph im denkwürdigen WM-Finale über den turmhohen Favoriten UdSSR aufgestülpt hatten. Das Bild vom 5. Februar 1978 beschreibt ein Stück deutscher Sportgeschichte, "Magier" Vlado Stenzel ging als "König von Kopenhagen" in die Annalen ein.

Jener Mann, der den deutschen Handball nach seiner Inthronisierung als Bundestrainer am 1. September 1974 aus dem Dornröschenschlaf erweckte, feiert am heutigen Donnerstag daheim in Wiesbaden seinen 75. Geburtstag. Gerade rechtzeitig dafür ist er am Dienstag nach einer Drüsenentzündung am Ohr aus dem Krankenhaus in Rüsselsheim entlassen worden.

"Dieser Tag ist nichts Großes für mich, deswegen mache ich kein großes Palaver. Im kleinen Rahmen feiere ich diesen Ehrentag. Jeder ist willkommen, es ist sozusagen ein Tag der offenen Tür", sagt der Erfolgscoach, dem zahlreiche Weltmeister von 1978 gratulieren.

Harte Methoden

"Die Wertigkeit dieses Menschen haben viele nicht mehr im Fokus. Er ist immer Mensch geblieben, und auch, wenn er unpopuläre Entscheidungen traf, hatten sie immer eine Bewandnis", sagt Jahrhundert-Handballer Erhard Wunderlich über den gebürtigen Kroaten mit den kessen Sprüchen, lauten Worten und mitunter radikalen Methoden.

Der heutige Bundestrainer Heiner Brand, als Spieler unter Stenzel und als Trainer 2007 Weltmeister, hat einiges von Stenzel gelernt: "Seine Erfolge haben dem Handball in Deutschland Auftrieb gegeben. Er hat in vielen Bereichen innovativ gearbeitet und viele haben von ihm etwas übernommen, auch wir Weltmeister von 1978." Allerdings seien Stenzels Methoden mitunter auch hart und brutal gewesen.

Heute feilt der gelernte Chemielaborant Stenzel ständig am Regelwerk seines geliebten Sports, um ihn noch attraktiver zu machen. Nicht von ungefähr steht auf seiner aktuellen Visitenkarte: "Vlado Stenzel - Handballforschung und -Förderung".

Stenzel will Regeln transparenter machen

Der Mann, den sie je nach Erfolgslage als Magier, Schleifer, Missionar oder Visionär verdammten oder hochjubelten, will die Handball-Regeln transparenter machen und die Macht der Schiedsrichter eindämmen. "Dafür arbeite ich Tag und Nacht", sagt Stenzel, der schon 1972 als Trainer mit Jugoslawien Olympiasieger geworden war. Die Mannschaft des Deutschen Handball-Bundes (DHB) trainierte er bis zum bitteren Platz sieben bei der Heim-WM 1982.

Stenzel, verheiratet mit der kroatischen Krankenschwester Diana, Vater von vier Kindern und Großvater von fünf Enkeln, sagt in seiner kompromisslosen Art unverblümt, "dass Schiedsrichter enge Spiele allein entscheiden. Gelegenheit macht den Dieb. Manchmal sieht Handball wie Sechstagerenenn aus, Ergebnisse sind reiner Zufall. Ich bedaure jeden, der heute Trainer ist, weil die Macht der Schiedsrichter unberechenbar ist. Ich möchte heute nicht mehr auf der Bank sitzen."

Stenzel bezieht auch zum aktuellen Thema Manipulation offen Stellung: "Es ist nur nie rausgekommen, aber das gab es früher schon. Es wurden auch in der Vergangenheit Titel und Medaillen mit Hilfe der Unparteiischen gewonnen."

Olympia-Quali 1976 "größter persönlicher Erfolg"

Weder beim Gewinn der Goldmedaille mit Jugoslawien noch beim WM-Coup mit Deutschland habe es aber äußere Einflüsse gegeben. Nach seiner Amtsübernahme als Bundestrainer wollte Stenzel beweisen, "dass der Westen gegen den übermächtigen Osten bestehen und ihn überholen kann. Das ist mir gelungen, darauf bin ich besonders stolz."

So war die erfolgreiche Qualifikation für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal gegen die DDR "mein größter persönlicher Erfolg". Damals wehrte Weltklassetorhüter Manfred Hofmann in letzter Sekunde den entscheidenden Siebenmeter von Hans Engel mit dem Knie ab. "Das war die Geburtsstunde des deutschen Handballs", sagt Stenzel.

Auch sein einstiger Schützling Kurt Klühspies lobt Stenzel als einen "ganz großen Trainer. Und er war es, der den Leistungsgedanken im deutschen Handball eingeführt hat." Torwart Rudi Rauer hat dafür eine eigene Beschreibung: "Als junge Bengels sind wir ihm gefolgt, wir wurden gedrillt, es war absoluter Gehorsam gefordert. Das haben wir gemacht, sonst wären wir nicht Weltmeister geworden."