2009.07.29 Neuss : BMW zieht sich aus der Formel 1 zurück

Automobilhersteller BMW beendet zum Jahresende überraschend sein Engagement in der Formel 1. Grund für den Ausstieg ist ein Strategiewechsel innerhalb des Unternehmens aus München.

us
BMW-Motorsportdirektor Dr. Mario Theissen

Vollbremsung statt Hinterherfahren: Für BMW schalten die Ampeln in der Formel 1 am Saisonende auf Rot. Um 10.06 Uhr am Mittwoch verkündete Vorstandschef Norbert Reithofer in der Münchner Konzernzentrale den überraschenden wie umstrittenen Abschied aus der "Königsklasse" wegen der "strategischen Neuausrichtung des Unternehmens". Ein Verkauf des BMW-Sauber-Teams mit dem deutschen Fahrer Nick Heidfeld und 740 Mitarbeitern ist möglich, der Einstieg in die DTM als Ersatz für die "Königsklasse" eine Option.

"Diese Woche steht die Unterschrift unter ein neues Concorde Agreement in der Formel 1 an. Wir haben uns die Frage gestellt: Wollen wir uns über drei Jahre bis 2012 binden? Wir haben entschieden, dass wir das nicht über einen so langen Zeitraum tun wollen", sagte Reithofer. Die damit gesparten etwa 280 Millionen Euro sollen in die Bereiche "neue Antriebstechnologien und Nachhaltigkeit gesteckt" werden. Das gesamte Team und BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen wurden von der am Dienstag im Vorstand getroffenen Entscheidung überrollt. Theissen war erst zu Beginn der Woche informiert worden.

Theissen "persönlich enttäuscht"

"Natürlich bin ich persönlich enttäuscht, die zehn Jahre in der Formel 1 waren aber für mich eine phantastische Zeit. Aus rein sportlicher Sicht hätte einiges für den Verbleib in der Formel 1 gesprochen", sagte Theissen sichtbar bewegt. Nick Heidfeld begibt sich jetzt auf Arbeitsplatzsuche: "Die Entscheidung kommt für mich unerwartet. Es tut mir speziell für das Team und alle Mitarbeiter, mit denen ich über Jahre hinweg das Projekt aufbauen durfte, sehr leid."

Die Weiß-Blauen haben nach drei Jahren des stetigen Aufstiegs seit der Übernahme des Sauber-Teams im Jahr 2006 mit dem Höhepunkt des Doppelsieges im Vorjahr in Montreal das Ziel Titel in diesem klar schon früh verfehlt. Mit nur acht Punkten steht das Team auf dem drittletzten WM-Platz. Zwar dementierte Reithofer einen Zusammenhang zwischen der schlechten Performance und dem Ausstieg, aber BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Draeger meinte: "Wir haben immer gesagt, dass sich die Formel 1 rechnet, wenn wir unter den Ersten fahren."

Nicht nur RTL-Experte Christian Danner findet den Ausstieg in der derzeitigen Situation "blamabel: In einer Zeit der völligen Erfolglosigkeit den Schwanz einzuziehen, ist nicht besonders clever."

Verkauf "natürlich ein denkbares Szenario"

Draeger schloss trotzdem definitiv aus, dass BMW in Zukunft als Motorenlieferant in der "Königsklasse" zur Verfügung stehen wird. Bis September solle eine Entscheidung fallen, was aus Mitarbeitern des Formel-1-Projekts in den Standorten Hinwil/Schweiz, München und Landshut werde. "Wir prüfen derzeit alle Optionen für die Zukunft des Teams und bewerten sie", sagte Theissen. Ein Verkauf des Rennstalls nach dem Vorbild von Honda - das Nachfolgeteam Brawn-GP ist mit Jenson Button (Großbritannien) derzeit die Nummer 1 - sei "natürlich ein denkbares Szenario".

Am Mittwoch morgen hatte Theissen in einer Telefonkonfernz alle anderen Chefs der Formel-1-Teamvereinigung FOTA informiert. Dass wegen des Ausstiegs Kompensationszahlungen von bis zu 200 Millionen Euro an andere Hersteller fällig seien, dementierte der BMW-Motorsportchef: "So etwas war nie vereinbart." Theissen glaubt auch nicht daran, dass der Abschied der Weiß-Blauen mit Blick auf die Wirtschaftskrise und die anstehende Unterschrift unter eine Formel-1-Verpflichtung bis 2012 einen Dominoeffekt auf andere Hersteller haben könnte.

Besonders bei Toyota war zuletzt über einen Ausstieg spekuliert worden, was die Japaner jedoch zurückweisen. "Durch die Kostensenkungen werden wir unser Formel-1-Engagement fortführen. Unsere Situation bleibt unverändert. Das wurde uns aus Japan mitgeteilt", sagte eine Toyota-Sprecherin dem SID. Ein Mercedes-Motorsport-Sprecher sagte dem SID: "Wir bedauern den Formel-1-Ausstieg von BMW. Diese Entscheidung hat keinerlei Einfluss auf unser Formel-1-Engagement."

Der Automobil-Weltverband FIA "bedauert die Ankündigung des Rückzuges, ist davon aber nicht überrascht. Es war schon seit einiger Zeit klar, dass der Motorsport die weltweite Wirtschaftskrise nicht ignorieren kann."

BMW will sich nach den Pleiten zu Saisonbeginn zumindest mit "erhobenem Haupt" (Draeger) aus der Formel 1 verabschieden. Alle geplanten Weiterentwicklungen für diese Saison würden weiter umgesetzt, meinte Theissen, dessen Mannschaft sich danach auf andere Projekte konzentrieren muss. Die Engagements in der Tourenwagen-WM, der Formel BMW, der American Le Mans Series und im Kundensport werden ebenso weitergeführt wie das Superbike-Programm der Motorrad-Abteilung.

DTM-Comeback ein Thema

Über eine spektakuläre Rückkehr in die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) wird offenbar schon verhandelt. Theissen: "Wir können uns auch andere Engagements vorstellen, die im Moment nicht spruchreif sind. Jetzt kümmere ich mich um die Zukunft des Teams, dann sehen wir weiter."