2009.08.18 Neuss : Nerius vergoldet ihren Abschied

Speerwerferin Steffi Nerius holte zum Abschluss ihrer Karriere die erste deutsche Goldmedaille bei der WM. Ariane Friedrich und Robert Harting erreichten das Finale.

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Kann ihr Glück kaum fassen: Steffi Nerius

Aus Steffi Nerius drangen Stolz und ein paar Tränen des Glücks, doch keine überschäumende Freude. Als das traumhafte Ende einer großen Karriere mit dem ersten WM-Gold der Geschichte für eine deutsche Speerwerferin perfekt war, schnappte sich die 37 Jahre alte Leverkusenerin die Deutschland-Fahne und startete unter dem Jubel der 40.000 im Olympiastadion ihre Ehrenrunde. Die ganze Arena feierte die Außenseiterin, die ihre Konkurrenz im ersten Versuch mit 67,30m k.o. geworfen hatte, mit Standing Ovations.

"Einfach nur geil"

"Es ist einfach nur geil. Es war mein Plan, im ersten Versuch was vorzulegen. Ich dachte, es könnte zur Medaille reichen. Ab dem vierten Versuch dachte ich an Gold und wurde nervös. Nach der besten Saison meines Lebens ist es ein guter Zeitpunkt aufzuhören", meinte die Frau, die seit 2002 nun die siebte internationale Medaille gewann. Nur bei Olympia 2008 in Peking hatte es mit dem Edelmetall nicht geklappt für die gebürtige Mecklenburgerin, die in Berlin nach zweimal Silber und einmal Bronze für das Team die vierte deutsche WM-Medaille gewann.

Christina Obergföll, die ein Jahr zuvor in Peking die deutsche Mannschaft mit Bronze vor der totalen Medaillenpleite gerettet hatte, wurde mit 64,34m nur Fünfte. "Wenn man sich zwei Jahre darauf gefreut hat, und es dann in die Hose geht, ist das schon bescheiden. Ich war übersteuert, habe es zu sehr mit Gewalt versucht, weil ich in Zugzwang war", meinte die Offenburgerin. Zum Sieg von Nerius sagte die 27-Jährige: "Einen schöneren Abschied kann sie nicht bekommen.".

Nerius schockt die Konkurrenz gleich zu Beginn

Geschockt von Steffi Nerius' Coup im ersten Versuch war auch die favorisierte Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Barbora Spotakova aus Tschechien, der mit 66,42m nur Silber blieb. "Ich hatte für mich 70m erwartet, aber jede Medaille ist schön." Bronze ging mit 66,06m an die russische Olympiazweite Maria Abakumowa, die Nerius als Erste gratulierte: "Es ist fantastisch für eine 37-Jährige", meinte sie später. "Und die erste WM-Medaille ist schön für mich."

"Ich hatte mir schon vorgenommen, einen guten ersten Versuch rauszuhauen. Aber vornehmen und umsetzen ist zweierlei", sagte Steffi Nerius, die vor Spotakovas letztem Versuch ihr Stirnband umdrehte. Aufschrift: "Danke für eure Treue".

Nerius gewann nach fünfmal Silber und sechsmal Bronze in der WM-Geschichte für deutsche Speerwerferinnen das erste Gold. Seit 17 Jahren ist sie 60-m-Werferin, hatte vor 16 Jahren in Stuttgart ihr WM-Debüt gegeben, aber lange nichts gewonnen. Dann holte die Olympiazweite von Athen 2004 dreimal in Serie Bronze: 2003 in Paris, 2005 in Göteborg und 2007 in Osaka. Davor gewann die vergangene Saison auf 68,34m verbesserte Frau von der Insel Rügen 2002 EM-Silber in München.

"Auch wenn ich in Berlin 75m werfe, höre ich auf", sagte der Schützling von Helge Zöllkau, der sich nach dem großen Wurf auf der Tribüne still freute. Am 1. Oktober startet sie ihren Vollzeitjob als Trainerin bei der Behindertensport-Abteilung ihres Vereins. "es bleibt dabei, ich höre auf", bestätigte sie nach dem goldenen Finale.

Richards und Jackson bringen USA im Medaillenspiegel nach vorn

USA-Gold Nummer zwei und drei gewannen Sanya Richards, die endlich einen großen 400-m-Sieg feierte, in 49,00 und über 400m Hürden Titelverteidiger Kerron Clement in 47,91 Sekunden jeweils in Jahresweltbestzeit. Das zweite Gold für Großbritannien holte Dreispringer Philipps Idowu, der mit Jahres-Weltbestleistung von 17,73m in die Fußstapfen des zweimaligen Weltmeisters und Weltrekordlers Jonathan Edwards trat beim Triumph über Portugals Olympiasieger Nelson Evora (17,54). Auch Kenia feierte das zweite Gold und durch Ezekiel Kemboi, WM-Zweiter von 2007, in 8:00,43.

Als Dritter lief der gebürtige Marokkaner Bouabdellah Tahri in 8:00,18 Minuten den ersten Europarekord der Titelkämpfe. Doch der Hindernislauf war dennoch überschattet vom ersten Dopingbefund der WM: Jamal Chatbi, der für das Finale qualifiziert war, wurde positiv auf Clenbuterol getestet, das zur Behandlung von Asthma eingesetzt wird. Das gab der marokkanische Verband am Dienstag kurz vor dem Hindernisstart bekannt.

Friedrich und Harting ohne Probleme im Finale

Ariane Friedrich und Robert Harting übersprangen die Qualifikations-Hürde vor ihren Finals mit spielerischer Leichtigkeit. Die Weltranglisten-Erste der LG Frankfurt nahm zwei Tage vor dem Hochsprung-Finale (Donnerstag, 19.10 Uhr) in Runde eins gleich im ersten Versuch 1,95m und der Diskus des WM-Zweiten landete vor dem Endkampf am Mittwoch (20.10 Uhr) bei 66,81m - der größten Weite von allen.

Jamaikas 100-m-Weltrekordler Usain Bolt schonte sich zwei Tage vor dem 200-m-Finale (Donnerstag, 20.35 Uhr) in den beiden ersten Runden bei lockeren Siegen in 20,70 und 20,41 Sekunden. Der 100-m-Zweite Tyson Gay (USA) hatte nach Leistenproblemen absagt. Robert Hering (Jena) erreichte in 20,58 das Halbfinale am Mittwoch, wenn die dreimalige Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch (Neubrandenburg) als Rekord-WM-Teilnehmerin (10. Start) zur Qualifikation antritt. Dann steht auch Hürdensprinterin Carolin Nytra (Bremen) im Halbfinale.