2009.08.28 Neuss : Bohmann: "Anderthalb Millionen sind zu viel"

Handball-Liga-Chef Frank Bohmann erläutert im SID-Interview, er halte zu hohe Gehälter für "nicht durchsetzbar". Zudem gibt Bohmann Fehler im Umgang mit dem Thema Manipulation zu.

ino
Frank Bohmann im SID-Interview

Eine Woche vor dem Saisonauftakt verspricht Liga-Chef Frank Bohmann mehr Spannung im Handball. Im SID-Interview erklärt Bohmann, wie er die Manipulation und Bestechung in der abgelaufenen Spielzeit künftig unterbinden will und warum anderthalb Millionen Euro Gehalt einen HBL-Spieler zu viel sind.

SID: "Herr Bohmann, nach all den Negativschlagzeilen in der vergangenen Saison - warum soll man sich auf die neue Spielzeit in der Handball-Bundesliga freuen?"

Frank Bohmann: "Weil sie bestimmt spannender wird als die letzte Saison, wir hatten ja mit einigen Umständen zu kämpfen. Einmal die Umstände, die es außerhalb des Spielfeldes gab, aber auch, dass die Saison eigentlich sportlich relativ früh entschieden war. Wir hatten ganz früh einen deutschen Meister, wir hatten früh die Abstiege geregelt, regeln müssen. Ich verspreche mir jetzt viel mehr Spannung."

SID: "Sie haben es angesprochen: In der vergangenen Saison entstand die Spannung für die Öffentlichkeit vor allem aus Berichten über mögliche Manipulationen und Insolvenzen. Haben sie mit so etwas je gerechnet?"

Bohmann: "Gerechnet habe ich überhaupt nicht damit. Die ganze Geschichte hat uns sehr unvorbereitet getroffen. So waren in unseren Statuten noch nicht einmal Maßnahmen vorgesehen, um mögliche Manipulationen zu sanktionieren. Aber auch ein Ablaufschema, wie man mit den Vorwürfen umzugehen hat, existierte nicht. Im Umgang mit dem Thema Manipulation wurden sicherlich auch Fehler gemacht."

SID: "Haben Sie Befürchtungen, dass der Sport wieder in den Hintergrund gedrängt wird, wenn möglicherweise bald Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft präsentiert werden?"

Bohmann: "Nein, davor habe ich keine Angst. In der Liga wird es unmittelbar aus diesem Fall ohnehin keine Konsequenzen geben, weil er sich, wenn er stattgefunden haben soll, nicht im Ligabetrieb vollzogen hat und wir zu diesem Zeitpunkt auch kein Statut dafür hatten. Nach Vorliegen eines staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsergebnisses wird es meiner Kenntnis nach eine Beurteilung der EHF und möglicherweise auch eine Sanktionierung geben. Die HBL wird nach jetzigem Kenntnisstand keine Sanktionen vornehmen."

SID: "Welche Maßnahmen haben Sie konkret ergriffen, damit Spielmanipulationen in der Bundesliga künfig nicht vorkommen?"

Bohmann: "Das ist nie ausschließbar. Der DHB hat Veränderungen bei der Schiedrichteransetzung vorgenommen. Auch bei der Auswahl der Kaderschiedsrichter wurde ein Schwerpunkt gelegt, denn letztendlich ist Manipulation immer eine Persönlichkeitsfrage. Wir selber haben einen Anti-Korruptionsausschuss gebildet. Und wir werden natürlich auch kommunikativ mit der Sache anders umgehen nach den Lehren, die wir in der Vergangenheit gezogen haben."

SID: Werden Sie etwas an der Bezahlung der Schiedsrichter ändern oder denken Sie gar über die Einführung von Profischiedsrichtern nach?"

Bohmann: "Ich glaube nicht, dass Schiedsrichterprofis ein wesentlicher Schlüssel zur Risikominimierung sind. Wir haben über die Einführung nachgedacht, sind aber zu dem Entschluss gekommen, dass Profischiedsrichtertum im Handball derzeit kaum umsetzbar ist. Zudem werden die Schiedsrichter in der Liga gut bezahlt.

SID: "Das andere große Thema der vergangenen Saison waren Insolvenzen verschiedener Klubs: Können sie Garantien geben, dass das in diesem Jahr nicht wieder passiert?"

Bohmann: "Nein, Garantien können wir nicht geben. Aber das Lizenzierungsverfahren als Beaufsichtigung haben wir verfeinert, um eine größere und dynamische Kontrolle über die Klubs zu haben. Es ist schon so, dass wir eine Reihe überschuldeter Klubs in der ersten und der zweiten Liga haben. Daraus könnte sich langfristig auch immer eine Insolvenz entwickeln. Bei einer Reihe von Vereinen muss ein bisschen Risiko rausgenommen werden."

SID: "Die Etats sind vor allem durch Gehälter sehr belastet, Gibt es Überlegungen, eine Obergrenze einzuführen?"

Bohmann: "Darüber haben wir intensiv nachgedacht. Aber da haben wir rechtlich nicht die Rahmenbedingungen. Außerdem wäre es am Markt nicht durchsetzbar. Wir können Klubs aber dazu verpflichten, gewisse Vermögenssituationen zu schaffen. Wir sind im Durchschnitt aller Klubs bei 65 bis 70 Prozent Gehaltskosten, was deutlich zu viel ist. Wir werden diesen Anteil dauerhaft reduzieren müssen."

SID: "Aber über teure neue Stars wie beispielsweise die Hamburger Igor Vori und Domagoj Duvnjak oder den Kieler Daniel Narcisse freuen sie dich doch auch?"

Bohmann: "Ja, das hilft dem Handball auch. Das ist auch einer der Gründe, warum der Handball sich in den letzten Jahren so gut entwickelt hat. Aber man kann diese Spieler auch nur haben, wenn man sie bezahlen kann. Ich halte anderthalb Millionen für einen Handballer immer noch für zuviel. Das ist außerhalb unserer Möglichkeiten eigentlich. Für anderthalb Millionen kann ich schon eine Mannschaft unterhalten, die zumindest gegen den Abstieg spielt. "

SID: "Gibt es Überlegungen, an der Abstiegsregel etwas zu ändern? Vor allem die Relegation steht immer wieder in der Kritik."

Bohmann: "Wir werden zur Saison 2011/2012 die eingleisige 2. Liga haben und da wird es dann drei feste Absteiger und drei feste Aufsteiger geben. Denn in der Relegation gab es tatsächlich Ungerechtigkeiten. So kann ein Zweitligist nicht die gleiche Anzahl Ausländer einsetzen wie ein Erstligist, das ist ein Wettbewerbsnachteil."

SID: "Der internationale Kalender zersplittert auch den Bundesliga-Spielplan und macht ihn unübersichtlich. Für Fans und Medien ist das nicht gerade freundlich."

Bohmann: "Wir sind die einzige Ballsportart, die sich mit ihrem Ligaplan nach internationalen Vorgaben richten muss. Das ist ein Zustand, der eigentlich untragbar ist. Wir hecheln der EHF hinterher. Auf der anderen Seite wird der europäische Handball nicht ohne die Klubs der Bundesliga leben können. Auf die Kraftprobe haben wir es noch nicht ankommen lassen. Aber ich erwarte hier noch sehr viel mehr Entgegenkommen. Wir sind in Verhandlungen, dass es ein Council gibt, wo vier beteiligte Parteien demnächst über die weitere Entwicklung entscheiden, nämlich die Verbände, die Klubs, die Liga und die Spieler mit jeweils 25 Prozent. Ich hoffe, dass sich die Pläne im Laufe des nächsten Jahres umsetzen lassen."

SID: "Und sportlich? Wer kann denn dem THW gefährlich werden, wer sind Ihre Favoriten?

Bohmann: "Es gibt vier Klubs, die deutscher Meister werden können. Das sind der THW Kiel, Hamburg, die Rhein-Neckar Löwen und der TBV Lemgo. Alle anderen wären Überraschungen.