3:2 gegen Portugal : Deutschland schlägt die Unschlagbaren und steht im Halbfinale

Was für ein Comeback! Der deutsche Fußball lebt, und es geht ihm so gut, wie es noch tags zuvor niemand hatte wahrhaben wollen. 3:2 (2:1) besiegt der schon gestrauchelt geglaubte Mitfavorit das eben nur scheinbar unschlagbare Portugal und schafft damit die bislang größte Überraschung bei der EM in den Alpen. Und Joachim Löw jubelt in der Loge.

Sven Goldmann[Basel]
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Kopfball ins Glück. Ballack erzielt das dritte Tor für die Deutschen. Ricardo sieht schlecht aus.Foto: dpa

Zwei kluge Köpfe steckten hinter dem Coup von Basel. Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger spielten so großartig auf wie lange nicht mehr in der deutschen Nationalmannschaft. Beide erzielten sie je ein Tor, für das dritte zeichnete Miroslav Klose verantwortlich. 39730 Zuschauer im St. Jakob Park, in ihrer überwiegenden Mehrheit den Deutschen zugewandt, feierten eine rauschende Fußballnacht. Im Halbfinale geht es nun am Mittwoch ebenfalls in Basel gegen den Sieger der Partie Türkei – Kroatien. Die beiden Teams treffen am Freitag aufeinander.

Schweinsteiger, der Portugal-Experte, der schon bei der WM 2006 zweimal gegen das Team von Trainer Luiz Felipe Scolari getroffen hatte, und Ballack setzten auf dem Rasen von St. Jakob um, was ihr Chefstratege zuvor ausgeheckt hatte. Der Sieg über Portugal aber war, bei aller individuellen Klasse der beiden guten Offensivgeister, vor allem ein Erfolg der Taktik. Ausgerechnet in dem Spiel, dass Joachim Löw wegen seiner Sperre nach dem Österreichspiel nur aus einer Loge mit ansehen durfte, entfaltete der Bundestrainer das taktische Geschick, das ihm zuletzt schon abgesprochen war. Mit einer radikal umstrukturierten Aufstellung ließ Löw die Portugiesen ins Leere laufen. Schweinsteiger spielte zum ersten Mal von Beginn an, Klose lief als einzige Spitze auf und im Mittelfeld sicherten Rolfes und Hitzlsperger für den verletzten Frings in der Defensive ab, auch dies eine Premiere. Welcher andere Trainer hätte in einem so wichtigen Spiel schon so viel Mut zur Veränderung gezeigt?

Der Erfolg dieser defensiven, aber immer noch konstruktiven Ausrichtung spricht für sich. Und für Löw. Die Portugiesen, vergeblich auf Raum für ihr anspruchsvolles Spiel hoffend, liefen ins Leere, in die ihnen gestellte Falle. Nun sind sie keinem Spiel wie ein offensives Gewitter über diese EM gekommen, aber so abwartend und distanziert wie gestern hat man sie in den Alpen noch nicht gesehen. Das portugiesische Spiel basierte auf der Selbstsicherheit, die individuelle Klasse ihrer grandiosen Einzelkönner werde früher oder später zum Erfolg führen. Scolari war nach der Niederlage entsprechend enttäuscht und übernahm Verantwortung: "Ich habe die Mannschaft so aufgestellt und deshalb bin ich auch für die Niederlage verantwortlich." Den Deutschen ermöglichte der zaghafte Beginn die nach den zuletzt so bescheidenen Auftritten dringend benötigte Phase zur Selbstfindung.

Dass sie im nächsten Schritt so weit gehen würden, dem großen EM-Favoriten ihr eigenes Spiel aufzudrücken – damit hatten die Portugiesen gewiss nicht gerechnet. Die Selbstfindungsphase war nach gut 20 Minuten abgeschlossen, Bastian Schweinsteiger krönte sie mit dem Führungstor. Vorausgegangen war eine Kombination, wie sie dem radikal erneuerten deutschen Team kaum zugetraut worden war. Ballack spielte auf der linken Seite einen doppelten Doppelpass mit Podolski, der passte in die Mitte auf Schweinsteiger, dem Pepe und Bosingwa vergeblich hinterherrannten. Scharf und platziert vollendete der Münchner zur Führung und feierte das auf seine eigene Weise: laut brüllend und wild gestikulierend an der Seitenlinie. Viel von der Wut und Enttäuschung nach dem dummen Platzverweis gegen Kroatien ließ sich auf diese Weise abbauen.

Auch bei Löw entlud sich die Anspannung, als er in seiner Loge dem deutschen Chefscout Urs Siegenthaler in die Arme sprang. Dosiert, aber doch immer wieder, zogen Ballack und Schweinsteiger das Tempo an. Der eine als Verteiler, der andere als kaum zu bremsender Dribbler und Antreiber. Auch beim 2:0 hatte Schweinsteiger den Fuß im Spiel. Sein Freistoß segelte auf den Kopf von Klose, den die auf Abseits spielenden Portugiesen völlig aus den Augen verloren hatten. Aus fünf Meter stieß der Münchner den Ball zum ersten EM-Tor seiner Karriere vorbei am überraschten Ricardo.

Das damit gewonnen Selbstbewusstsein hätte wahrscheinlich noch vor ein paar Monaten gereicht, das Spiel souverän zu dominieren. Siegessicher stimmten die deutschen Fans schon die Nationalhymne an. Doch kurz vor der Pause, als Portugiesen zum ersten Mal so etwas wie Resignation zeigten, leistete sich Podolski auf der linken Seite einen verheerenden Stellungsfehler. Cristiano Ronaldo, bis dahin kaum zu sehen, scheiterte aus spitzem Winkel an Lehmann, aber den abprallenden Ball schob Nuno Gomes gedankenschnell zum Anschlusstor über die Linie.

Auf einmal wähnten sich die Portugiesen wieder im Spiel, darauf bauend, dass die Deutschen sich doch nicht über Nacht zu einer völlig neuen Mannschaft gewandelt hatten. Doch diese widerstanden der Versuchung, ihr Spiel fortan auf Ergebnissicherung umzustellen. Das hätte gegen eine technisch so starke Mannschaft wie Portugal gut und gerne in einem Debakel enden können. Also ließen sie dem Gegner gerade so viel Raum wie unbedingt nötig. Portugal wurde stärker, gewann aber keine drückende Überlegenheit.

Dafür setzten die Deutschen den entscheidenden Stoß, und zwar auf denkbar kuriose Weise. Als es auf der linken Seite einen Freistoß gab, nutzte Schweinsteiger eine kurze Unterbrechung, um auf der rechten Seite (!) schnell die Schuhe zu wechseln. "Es fing leicht an zu regnen und da musste ich die Stollen wechseln, allerdings hatte ich etwas Angst, dass ich es nicht rechtzeitig zum Freistoß schaffe", sagte Schweinsteiger später. Er hatte ein gutes Timing beim Schnürsenkelbinden, lief zur Ausführung des Freistoßes zurück quer über den ganzen Platz und zirkelte den Ball mit dem neuen Schuh direkt auf den Kopf von Ballack. Portugals Torhüter Ricardo sah wieder mal ganz schlecht aus, verharrte in seinem Tor und schaute dem deutschen Kapitän ehrfurchtsvoll beim erfolgreichen Kopfball zu. 3:1 nach exakt einer Stunde, das war die Entscheidung. Allerdings verschaffte sich Ballack auch mit einem Schubser etwas mehr Platz zum köpfen, was der Schiedsrichter aber nicht sah. "Das hätte geahndet werden müssen, wenngleich wir auch 1:2 hätten verlieren können", sagte Scolari. Auch Portugals erneuter Anschluss, erzielt von Postiga drei Minuten vor Schluss, brachte die Deutschen nicht mehr aus dem Konzept. Nach vierminütiger Nachspielzeit rissen sie die Arme hoch zum Jubel.