Der Tagesspiegel : 7. Ein Gourmet, der führen konnte

Schriftsteller, Lebemann, Gastronomiekritiker, Exzentriker von Graden - er hat sein Leben lang daran gearbeitet, sich all diese Bezeichnungen redlich zu verdienen. Als er sein Jurastudium abgeschlossen hatte, lud er zu einem Fest ins Pariser Palais seines Vaters ein und kündigte die "Beerdigung eines Festschmauses" an; bei einem anderen Essen hockte ein kostümiertes Schwein am Ende der Tafel. Begehrt waren seine literarischen Empfänge mit der Creme der Dichtkunst seiner Zeit; allerdings durfte jeder kommen, der einen anständigen Reim verfassen und 17 Tassen Kaffee hintereinander trinken konnte. Seine Mutter entstammte dem Hochadel, sein Vater besaß als Letzter einer Dynastie von Generalpächtern, also Steuer- und Zolleinnehmern, ein riesiges Vermögen. Doch er selbst wurde mit zwei krallenartig missgebildeten Händen geboren und rebellierte schon früh gegen seine Familie. Nach zahlreichen Skandälchen wurde er in ein Kloster abgeschoben, entdeckte dort seine Leidenschaft für gutes Essen und eröffnete später in Lyon ein Feinkostgeschäft. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er nach Paris zurück, veröffentlichte nach und nach acht Bände eines Almanachs, der durch die neu entstehenden Restaurants der Stadt führte, gründete eine Feinschmeckerjury, die ein Gütesiegel vergab, und galt als ebenso bedeutend wie der fast gleichaltrige, heute bekanntere Jean-Anthelme Brillat-Savarin. Nach zahlreichen Prozessandrohungen zog er sich aufs Land zurück und heiratete die Schauspielerin, mit der er schon 20 Jahre zusammenlebte. Er starb am ersten Weihnachtsfeiertag.

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