Der Tagesspiegel : 8. Eine Forscherin, die eine Praxis eröffnete

Auch sie wurde ein Opfer des preußisch-deutschen Universitätsverbots für Frauen und wie andere Frauen nahm sie den Umweg übers Ausland. Nach neun Jahren ungeliebter Arbeit als Lehrerin schrieb sich die Tochter eines bedeutenden Rabbiners zum Medizinstudium in Zürich ein, wo man damals längst weiter war. Nach Dissertation und Approbation entschied sie sich für die Forschung und begann als Assistentin an einer bis heute berühmten medizinischen Klinik - als zweite Frau überhaupt in deren damals fast zweihundertjähriger Geschichte. Bei ihrer Laborarbeit machte sie eine bahnbrechende Entdeckung, doch die Kollegen konnte sie nicht überzeugen. Erst etwa fünfzig Jahre später erhielt der Stoffwechseleffekt, den sie beschrieben hatte, ihren Namen. Professorin wurde sie dennoch, die erste in Preußen. Doch schon sechs Jahre nach ihrer Ernennung verließ sie die Klinik - wohl weil der Krieg zu Ende war und ein Mann, Kriegsheimkehrer, ihren Posten als Klinikleiterin erhielt. Die passionierte Forscherin eröffnete nun eine Praxis in einem eleganten Viertel und konnte, bisher unbezahlt, nun gut von der Behandlung ihrer wohlhabenden Patienten leben. Berufsverbot und Verfolgung trafen sie als Frau und Jüdin doppelt; sie floh ins Ausland, wo sie fünfzehn Jahre später in hohem Alter starb - in einem psychiatrischen Krankenhaus. Sie hatte zuletzt an Depressionen und Paranoia gelitten, Folgen von Verfolgung und Exil. Die Stadt, in der sie ihre produktivsten Jahre als Forscherin verbrachte, hat eine Straße nach ihr benannt. Und die berühmte Klinik, die ihr 16 Jahre lang nie ein Gehalt bezahlt hatte, erwies Preußens erster Medizin-Professorin immerhin eine späte Ehre: Seit 1994 steht eine Bronzebüste der großen Wissenschaftlerin an ihrer alten Wirkungsstätte - auch in dieser Reihe würdiger Häupter war sie die erste Frau.

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