Der Tagesspiegel : Ablegen oder untergehen?

Claus-Dieter Steyer

Brandenburgs Tor zur Welt heißt jetzt Schwedt: In diesem Tenor wurde gestern die Fertigstellung des Hafens der 40 000 Einwohner zählenden Stadt gefeiert. In anderthalb Jahren verbauten Dutzende Firmen fast 68 Millionen Mark von Bund, Land und der EU. Verkehrsminister Hartmut Meyer (SPD) bemühte einen fast unglaublich scheinenden Vergleich für die Menge der bewegten Erdmassen: "Stellen Sie sich ein Fußballfeld mit einem Meter Tiefe vor und stapeln Sie in Gedanken neun dieser Plätze übereinander", sagte er: "Dann haben Sie eine Vorstellung von der Masse."

Der Minister lieferte auch gleich die Erklärung für den riesigen Aufwand. Schwedt solle seine wirtschaftlichen Chancen weiter ausbauen und vor allem den Großbetrieben eine bessere Infrastruktur anbieten. Dazu zählten vor allem der Erdölverarbeiter PCK GmbH und die Papierfabrik Haindl. Zu Wendezeiten lebten rund 52 000 Menschen in den vor allem durch Plattenbauten geprägten Stadt. Bürgermeister Peter Schauer (SPD) sprach denn auch von einem "neuen Impuls", den Schwedt erhalte.

An der rund 100 Meter langen Kaimauer sollen zunächst kleinere Schiffe festmachen. Getreide und Düngemittel werden hier in Kürze verladen und in Richtung Berlin transportiert werden. Im Gegenzug würde sich Altpapier aus der Großstadt als Fracht anbieten, das in Schwedt verarbeitet werden könnte. Doch erst bei einer direkten Verbindung zur Ostsee rentieren sich die Investitionen. Dann könnten die große Küstenschiffe direkt nach Schwedt fahren und hier ihre Waren löschen. Dafür müsste allerdings die rund 10 Kilometer lange Verbindung zwischen besagter Wasserstraße und der Oder ausgebaut werden. Gegen entsprechene Pläne protestieren Umweltverbände, da der Wasserweg mitten durch Brandenburgs einzigen Nationalpark "Unteres Odertal" führt. "Die geplanten Arbeiten berühren Totalreservate für Tiere und Pflanzen, in denen seit 1995 jegliche Einflussnahme durch Menschen untersagt ist", erklärt Anja Dannecker vom Brandenburger Landesbüro anerkannter Naturschutzverbände. In Gefahr seien wertvolle Moore, Heimat für viele vom Aussterben bedrohte Tiere. Auch wegen der Konkurrenz des Hafens in Stettin (Szczecin) seien die Ausbaupläne ein "Schildbürgerstreich", so Anja Dannecker weiter. Erst müssten in der polnischen Hafenstadt zwei Brücken angehoben werden, damit Küstenschiffe von der Ostsee wirklich nach Schwedt fahren könnten. "Polen dürfte aber kein Interesse haben, eine deutsche Konkurrenz zum Hochseehafen in Stettin überhaupt erst aufkommen zu lassen."

Bei der Hafenfeier in Schwedt spielten diese Bedenken nur am Rande eine Rolle. Die Hoffnung auf gute Geschäfte dominierte.

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