Der Tagesspiegel : Abschied für ein ermordetes Baby

In Biesdorf wurde das Mädchen bestattet, dessen Leiche auf der Müllkippe lag – Die Polizei war auch da

Ariane Bemmer

Es ist die zweite von drei Beerdigungen an diesem Donnerstag. „12 Uhr. Weibl. Säugling. Ohne Halle“ steht auf dem Wochenplan, der im Büro am Schrank klebt.

Es ist eine anonyme Urnenbestattung auf dem Friedhof Biesdorf, Kosten etwa 600 Euro ohne Friedhofsgebühr, es zahlt der Bezirk. Ruhefrist: 20 Jahre.

Es ist eine entsetzliche Bestattung. In dem Gefäß, das der Urnenträger um 12 Uhr 01 aus der Feierhalle trägt, ist die Asche des Babys, das um 0 Uhr 40 am 3. Februar von einem Vorarbeiter der Alba-Recyclinganlage in Mahlsdorf bei der Vorsortierung von Müll entdeckt wurde. Das Baby wog 2000 Gramm, die Mutter hat es im siebten oder achten Monat entbunden. Jemand hat es erwürgt. Jemand hat es in ein rosa Handtuch gewickelt, in einen Karton verpackt. Dann wurde es weggeworfen.

Die Polizei hat keine Spur. Aber die Polizei ist da. Zwei Männer, eine Frau von der Mordkommission, eine Pressesprecherin, ein Assistent. Außerdem sind Zeitungen und Fernsehsender gekommen. Die Polizei hofft, dass die Bilder die Mutter erreichen, dass die sich meldet, dass man doch noch einen Täter findet.

Der Urnenträger geht voran zum Urnenfeld. Die Hände zittern leicht, die Schuhe sind staubig. Er geht auf die Knie und stellt die Urne in das Grab, 35 mal 35 Zentimeter, 80 Zentimeter tief. Er wirft Sand hinein, tritt zurück und faltet die Hände. Dann spricht Ingrid Hamel, die Seelsorgerin der Charité. Sie sagt: „Wir wissen nicht, ob es der Mutter Leid tut, ihr Kind nicht mehr zu haben. Wir wissen nicht, ob sie ihr Kind geliebt hat.“ Wenn die S-Bahnen am Friedhof vorbeiziehen, macht Ingrid Hamel eine Pause. Man soll hören ,was sie zu sagen hat. Bevor es losging hat sie der Polizeisprecherin gesagt, es werde „kurz und knapp und würdig und schlicht“. Wie man das macht, weiß Ingrid Hamel, sie hat in der Charité häufig mit toten Babys zu tun. Es sei wichtig, das Schweigen zu brechen, sagt sie.

Auf dem grünen Urnenfeld stehen 13 Vasen mit Blumen. Man muss sich genau merken, wo hier jemand liegt, es gibt keine Steine, keine Markierungen, keine Abgrenzungen. In den Bäumen oben singen die Vögel und überall ist es blumenvoll und bunt. Manchmal kommt jemand mit einer Gießkanne vorbei, bleibt stehen und guckt zu der seltsamen Bestattung auf dem anonymen Urnenfeld. Als Ingrid Hamel die Hände hebt zum abschließenden Segen für das Kind und ihm sagt: „Gott soll dein Freund sein“, und dann eine Rose in das kleine tiefe Loch wirft, ist es 12 Uhr 14. Die Beerdigung des kleinen Mädchens hat länger gedauert als sein Leben.

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