Der Tagesspiegel : Abschied von Michendorf

In der Autobahnraststätte trafen sich Ost und West. Jetzt wird sie abgerissen

Claus-Dieter Steyer

Michendorf - Die letzten Gäste der Autobahnraststätte Michendorf erhielten zum Abschied ein kleines Präsent. „Eis für alle“, verkündete die Chefin Cornelia Wirth, bevor sie kurz nach 14 Uhr die Eingangstür zu dem 1938 eröffneten Restaurant für immer abschloss. Vor 34 Jahren hatte Wirth hier als Kellnerin angefangen. „Michendorf war mein Leben, ich kenne keine andere Arbeitsstelle“, sagte sie traurig. Nun wechselt sie wie ihre neun verbliebenen Angestellten an die beiden Raststätten an der Avus. In Michendorf südwestlich von Berlin aber rücken am Montag die Abrissbagger an, um Platz für eine vierte Fahrspur der Autobahn zu schaffen. Ein Stück abseits öffnet dafür ein McDonald’s seine Türen.

Die Raststätte Michendorf-Süd, das war vor dem Mauerfall einerseits einer der beliebtesten Treffpunkte für Menschen aus Ost und West; und andererseits für West-Berliner auf dem Heimweg immer eine letzte Gelegenheit, nach der langen und langsamen Fahrt für durch die DDR (Tempo 100!) noch einmal billig etwas zu essen zu bekommen. „Die Schultheiss-Bierfahrer waren immer frech und vorlaut“, erinnerte sich Gerda Lichtenfeld, die von 1959 bis 1963 hier gearbeitet hatte und gestern noch einmal vorbeigekommen war. „Die wollten ihre Kalbsleber immer ganz schnell.“

Ihr heutiges Aussehen erhielt die im Stil deutscher Landhäuser gebaute Raststätte Mitte der sechziger Jahre. „Damals wurde ein Intershop angebaut“, erzählte Heimatforscher Hans-Joachim Strich. „Der erwies sich aber bald als zu klein, so dass am Rande des Parkplatzes ein größeres Gebäude entstand, bevor auf der gegenüberliegenden Autobahnseite ein großer Klotz zum Kaufen für Westgeld einlud.“ Dorthin ging es über eine schäbige Fußgängerbrücke.

Die zu DDR-Zeiten 120 Beschäftigten gehörten zu den wenigen Angestellten, die regulär in Besitz der begehrten D-Mark kamen. „Ein Schweinesteak mit Kräuterbutter, Erbsen und Pommes kostete 3,95 Mark – zahlbar mit Ost- oder Westgeld“, erinnerte sich die Geschäftsführerin Wirth. „Das galt auch für unsere anderen Renner wie Brühe mit Ei für 25 Pfennige oder Bockwurst mit Brötchen für 85 Pfennige.“ Das Trinkgeld konnte die Bedienung behalten, wobei zehn Prozent immer an die Küche verteilt wurden. Die D-Mark musste allerdings später in sogenannte Forumschecks umgetauscht werden, mit denen DDR-Bürger im Intershop einkaufen konnten. Trotz des Drei-Schicht-Systems gehörte Michendorf wohl auch deshalb zu den beliebtesten Arbeitsstellen.

Natürlich beobachtete auch die Stasi das Geschehen in und an der Raststätte. „Wir wussten alle, wo die Aufpasser gesessen haben“, sagte ein Angestellter. „Aber das hat uns nicht weiter interessiert.“

Der Michendorfer Heimatverein hatte bis zuletzt gegen einen Abriss des Gebäudes gekämpft. „Das wäre der richtige Platz für ein Museum gewesen“, sagte der Vereinsvorsitzende Strich. „Diesen Raststättentyp mit Tankstelle gibt es sonst nirgendwo mehr.“ Aber alle Vorstöße beim Landesdenkmalamt seien vergeblich gewesen, obwohl im Jahre 2000 schon das nördliche Pendant abgerissen worden war. „Die Belange des Autobahnbaus fielen letztlich schwerer ins Gewicht als der Denkmalschutz“, bedauerte Strich. Wenigstens viele originale Utensilien hat sich der Verein gesichert, darunter auch Speisekarten mit dem Schweinesteak für 3,95 Mark. Claus-Dieter Steyer

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