Abtreibungen : Indiens unerwünschte Töchter

In Indien ist der Wunsch nach männlichen Nachkommen traditionell besonders groß. Mit fatalen Folgen, denn durch neue Technik lässt sich früh das Geschlecht von Föten feststellen. Seitdem werden zahlreiche Frauen zu Abtreibungen gezwungen.

Parul Gupta[AFP]
Indien
Im Hinduismus genießen Männer einen hohen Stellenwert. Das "Medium" Swarnalatha ist eine der wenigen Frauen mit religiöser...Foto: AFP

Neu DelhiSie wurden in Milch ertränkt, bei lebendigem Leib verbrannt oder vergiftet. Die Tötung von Mädchen, dem unerwünschten Geschlecht, hat in Indien eine lange und grausame Tradition. Heute ist der Mädchenmord noch simpler: Sie werden systematisch abgetrieben.

"Neue Methoden machen es einfacher, das Geschlecht eines Fötus bereits in einem frühen Stadium der Schwangerschaft festzustellen. Dadurch werden die Zahlen noch steigen", sagt die Journalistin Gita Aravamudan. Mit ihrem neuen Buch "Verschwindende Töchter" will sie dem "Thema ein Gesicht geben", sagt sie. Dafür hat sie die Geschichten von Frauen zusammengetragen, die immer wieder geschwängert wurden, bis sie einen Sohn gebaren. Und von Frauen, die zu vier Abtreibungen binnen fünf Jahren gezwungen wurden. "Eine der beunruhigendsten Enthüllungen kam von einer Hebamme, die sagte, hunderte Neugeborene getötet zu haben, so viele, dass sie den Überblick verlor", erzählt die Autorin in einem Interview zu ihren Recherchen.

Besonderer Stellenwert für männliche Nachkommen

In Indien gelten Söhne in der Regel als die Ernährer. Und gemäß der hinduistischen Tradition sind es die männlichen Nachkommen, die den Scheiterhaufen bei der Beerdigung der Eltern entzünden. Mädchen hingegen gelten als Last, da die Familie ihrem Bräutigam Brautgeld bezahlen muss. Die Diskriminierung sitzt tief. So tief, dass manche Frauen selbst keine Tochter zur Welt bringen wollten, um ihr den Missbrauch und das Leid zu ersparen, das sie selbst erdulden mussten, heißt es in dem Buch. "Es ist besser, sie direkt in den Himmel zu schicken, als dass sie Schläge erleiden muss", zitiert Aravamudan eine Mutter.

Das Ergebnis der jahrzehntelangen Praxis lässt sich längst in Zahlen erfassen. Auf 1000 Männer kommen in Indien 927 Frauen im weltweiten Durchschnitt sind es hingegen 1050 Frauen. Indien verliere täglich 7000 Mädchen durch Abtreibungen, heißt es in einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef vom vergangenen Jahr. Die medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" spricht von zehn Millionen abgetrieben oder getöteten Mädchen in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Holocaust an einem Geschlecht

"Die Tötung von Mädchen ist Serienmorden ähnlich. Aber die Tötung weiblicher Föten ist eher wie ein Holocaust. Ein ganzes Geschlecht wird ausgelöscht. Es ist ein stilles und reibungslos ausgeführtes Verbrechen, das keine Wellen schlägt", schreibt die Autorin. Ein Jahr lang recherchierte die Journalistin. Doch wie der Staat gegen die massenhafte Tötung von Mädchen vorgehen soll, sei schwer zu sagen. "Unsere Gesetze gegen Brautgeld und die Tötung Ungeborener sind ausgezeichnet, aber nur auf dem Papier", sagt Aravamudan.

1994 führte Indien strenge Gesetze gegen Tests ein, die das Geschlecht eines Embryos bestimmen. Doch die Ärzte halten sich nicht daran, sie lassen sich dieses Geschäft nicht vermiesen. Es dauerte zwölf Jahre lang, bis der erste Arzt wegen eines Verstoßes verurteilt wurde.

Knochen in der Jauchegrube

Erst vergangenen Monat wurden Dutzende winzige Knochen in der Jauchegrube eines Krankenhauses in Gurgaon gefunden. In diesem reichen Vorort der indischen Hauptstadt ist die Relation der Geschlechter besonders verheerend: 820 Frauen auf 1000 Männer. Auch Wohlstand und Bildung schützen Mädchen also nicht.

Die Regierung sucht nach neuen Wegen. Der jüngste Plan sieht vor, alle Schwangerschaften zu registrieren. Die Differenz zwischen gemeldeten Schwangerschaften und tatsächlichen Geburten soll Aufschluss geben, wo besonders viele weibliche Föten abgetrieben werden. Ein anderer Vorschlag lautet, Familien zu ermutigen, ihre Töchter nicht zu töten, sondern in staatliche Heime zu geben. Doch Kritiker entgegnen, es sei unmöglich, in einem Land mit 1,1 Milliarden Menschen alle Schwangerschaften zu überwachen. Die Idee, Mädchen in Heime zu geben, nennt Aravamudan "aberwitzig". Das würde die Auffassung nur bestärken, Frauen seien unerwünscht. "Und die meisten Mädchen werden ohnehin getötet, bevor sie geboren werden."