Der Tagesspiegel : Ach, du kleiner Gott

Kay Kohlmeyer hat in Syrien ein 3000 Jahre altes Relief entdeckt. Heute feiert sein Studiengang „Grabungstechnik“ zehnjähriges Bestehen

Stefan Jacobs

Berlin. Der König ist einen halben Kopf größer als der Wettergott. Die beiden grüßen sich mit erhobener Faust und freundlichem Blick. Über 3000 Jahre sind sie alt – und sehen aus wie neu. Der Berliner Professor Kay Kohlmeyer und seine Studenten von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) haben das steinerne Relief vor kurzem in Syrien ausgegraben. Ein solcher Fund gelingt den meisten Archäologen höchstens einmal im Leben.

„Acht Meter Kulturschutt“, sagt Kohlmeyer und meint damit nicht die Unordnung in seinem Mini-Büro, die ihn nervt, sondern seinen mühsamen Weg zu Wettergott und König. Am Mittwoch ist er nach Paris geflogen, um der Fachwelt seine sensationellen Dias zu zeigen. Am Sonnabend ist er wieder auf dem FHTW-Campus in Blankenburg: beim Tag der offenen Tür zum zehnjährigen Bestehen des Studienganges Restaurierung / Grabungstechnik. Dann darf jeder mal schauen, wie die Studenten Oldtimer restaurieren. Und was sie so alles ausgraben.

Kohlmeyer ist auf den Orient spezialisiert. Seit 1996 fliegt er jedes Jahr für einige Monate in Syriens zweitgrößte Stadt Aleppo. Dort steht die wohl bedeutendste Zitadelle des Nahen Ostens – erbaut vor tausend Jahren auf einem 50 Meter hohen Tafelberg am Fluss. Ein schöner Platz nicht nur für Götter, sondern auch für Touristen. „Man wird begafft wie im Zoo“, sagt Kohlmeyer ohne Groll. Er ist 53 Jahre alt; ein leiser, unaufgeregter Mensch mit ausreichend Geduld für acht Meter Kulturschutt. Einer, der im Zweifel lieber den Pinsel als die Hacke schwingt.

Die 1822 nach einem Erdbeben aufgegebene Zitadelle ist erschlossen. Die Trümmer, auf denen sie errichtet wurde, legen Kohlmeyer und seine Studenten zusammen mit syrischen Partnern frei: Reste von Tempeln, Wohnanlagen, Schutzmauern. Gezeichnet von Angriffen, Bränden, Naturkatastrophen. So kommen die acht Meter Schutt zusammen, die wie Jahresringe aufeinander folgen.

Man gräbt sich durch Jahrhunderte, prüft jeden Stein, kartiert und fotografiert jede Scherbe, hofft auf eine Sensation, einen Palast vielleicht, und fürchtet sich zugleich davor, weil man bedeutende Funde laut Vertrag nicht beiseite räumen darf, sondern aufhören müsste, zu graben. Und plötzlich legt man ein fast zwei Meter hohes Relief aus unglaublich geschickt bearbeitetem Basalt frei, von dem einen Gott und König anlächeln.

Das Ressort des Wettergottes war ein bedeutendes. Könige riefen ihn an, bevor sie Staatsverträge verfassten. Man opferte ihm, damit der Regen kam, man gab ihm einen Streitwagen und reservierte ihm den besten Platz im ganzen Tempel.

Unter dem Wettergott verbirgt sich ein weiterer, noch älterer Tempel. Kohlmeyer rechnet aber nicht mit neuen Sensationen. „Ich habe entschieden, dass wir nicht noch tiefer graben.“ Noch zwei, drei Jahre will er sich mit der Zitadelle befassen. „Ich will nicht in Aleppo sterben“, sagt er, der 1995 auch schon unter dem Neubau des Bundespräsidialamtes neben dem Schloss Bellevue gegraben hat. Dort hatten sie bronzezeitliche Spuren vermutet, aber dann doch nur eine Parkanlage und Reste einer Meierei aus dem späten 18. Jahrhundert gefunden.

In Dyrotz, gleich westlich von Spandau, hat er mit seinen Studenten ein paar Keramikteile ausgegraben, die genauso alt sind wie der Wettergott von Aleppo. Und, wie war es damals um die Heimat bestellt? „Man soll ja in der Wissenschaft nicht werten“, windet er sich. Dann, nach einigem Zureden, geht zu einer Vitrine, in der ein paar rundliche schwarz-braune Klumpen liegen. „Darf ich sagen, dass das erbärmlich ist? Da kommen einem die Tränen“, sagt er beim Blick auf die Keramik, die schon beim scharfen Hinsehen zerfiel. „Das führt einem das Kulturgefälle schon ziemlich krass vor Augen.“

Vom Computerbildschirm des Professors lächelt nachsichtig der kleine Wettergott.

Zum Tag der offenen Tür an diesem Sonnabend gibt es ab 10 Uhr Fachvorträge. Ab 15.30 Uhr präsentieren Studenten ihre Forschungsobjekte auf dem FHTW-Campus am Blankenburger Pflasterweg 102, Gebäude 3. Anfahrt: S 2 bis Blankenburg, dann vier Stationen mit dem 159er Bus Richtung Ahrensfelde.

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