Der Tagesspiegel : Acht Bomben unter den Schulhöfen

Suche nach Blindgängern in Oranienburg dauert Monate Oranienburg(ste).Die Anfang Januar aus vier Schulen geholten 2400 Oranienburger Kinder können wahrscheinlich erst nach den Sommerferien in ihre Klassenzimmer zurückkehren.So lange dauert die Suche nach Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg auf den Schulhöfen nahe der Havel.Dies sagte der für Munitionsbergung im Landesinnenministerium zuständige Referatsleiter Gerd Lehmann bei einer ORB-Diskussion über die Angst vor Blindgängern in Oranienburg. Ursprünglich hatte die Räumung der in den 60er Jahren erbauten Schulgebäude nur wenige Tage dauern sollen."Doch wir sind bei unseren Bohrungen auf dem neun Hektar großen Gebiet auf mindestens zehn Bomben-Verdachtspunkte gestoßen", sagte Horst Reinhardt vom Munitionsbergungsdienst.In den letzten Tagen hätten sich zwar zwei dieser Punkte als harmlos herausgestellt.Doch an den anderen Stellen müsse das Schlimmste befürchtet werden.Reinhardt: "Hier haben die Meßgeräte große Metallkörper angezeigt, so daß wir uns auf Bomben einstellen." Das 24.000 Einwohner zählende Oranienburg ist wie keine andere Stadt Deutschlands mit einer besonders heimtückischen Hinterlassenschaft des Krieges belastet.Am 15.März 1945 warfen amerikanische Flugzeuge rund 5600 Bomben auf die Rüstungsbetriebe ab.Die meisten Fliegerbomben waren mit einen chemischen Langzeitzünder ausgestattet.Sie sollten erst Stunden oder Tage nach dem Aufprall detonieren, um die Aufräumungsarbeiten zu stören.Doch hunderte explodierten nicht und liegen jetzt als Blindgänger in der Erde, offenbar auch im Boden der vier Schulhöfe und unter der Sporthalle. Die chemischen Substanzen der Langzeitzünder verrotten langsam und können den Sprengstoff zur Explosion bringen."Gewöhnliche Blindgänger" aus deutscher oder britischer Produktion stellen in der Regel nur bei Bauarbeiten eine Gefahr dar.Bei den amerikanischen Bomben dagegen sind Selbstdetonationen nicht ausgeschlossen, wie es nach der Wende zweimal in Oranienburg und im Nachbarort Lehnitz der Fall gewesen ist.40 Bomben konnten entschärft werden. Am liebsten wäre der Stadt eine systematische Suche."Doch allein fühlen wir uns dazu überfordert", meinte Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke.Allein die jetzige Evakuierung der Schulen kostet 1,4 Millionen Mark.Darin enthalten sind die Renovierung von Räumen, der Einsatz von Bussenund die Herrichtung der völlig durchwühlten Schulhöfe.Das Innenministerium hat dem Bürgermeister jetzt zugesagt, wenigstens diese Ausgaben zu übernehmen. Insgesamt stehen im Brandenburger Haushalt für die Munitionsbergung nur 30 Millionen Mark zu Verfügung.Die Hälfte davon kommt Oranienburg zugute."Viel zu wenig", beklagt die "Bürgerinitiative gegen Bombenangst".Sie hat die Suchaktion in der Umgebung der Schulen erst mit viel Engagement durchgesetzt.Denn bisher wurde der Munitionsbergungsdienst in Oranienburg nur vor dem Beginn von Bauarbeiten gerufen.Für eine systematische Beräumung von Flächen fehlte das Geld.Die jetzige Aktion rund um die Schulen sprengt schon fast den gesamten Jahresetat: Der Bergungsdienst rechnet mit Kosten in Höhe von vier Millionen Mark. Dabei wäre eine zielgerichtete Suche durchaus möglich.1994 hat Brandenburg für die stolze Summe von 1,1 Millionen Mark aus amerikanischen Archiven Luftbilder erworben, die nach den Bombenangriffen gemacht worden waren.13.400 Aufnahmen sind ausgewertet worden.Dabei stellten die Experten hunderte Verdachtspunkte fest, wo Blindgänger bis heute in der Erde liegen könnten.

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