Der Tagesspiegel : Adieu Potsdam? Adieu Potsdam!

WOLFGANG JOOP

Ein Brief vom Volkswagenboß, der "Auto-Kanzler" pariert, Trittin-Veto in Brüssel und Millionen Europäer können ihre abgefahrenen Rostlauben nicht zum Nulltarif entsorgen: Unaufhaltsam scheint sie sich zu verbreiten, die Unsitte, daß die Politik nicht mehr von Politikern, sondern von Industriekapitänen und Bankvorständen bestimmt wird, daß sich Politiker zu Models degradieren lassen. Zu Marionetten. Leider könnte auch aus Potsdam, meiner Geburtsstadt und geliebten Wahlheimat neben New York, schon bald berichtet werden, wie perfekt dieser banale Geld-regiert-die-Welt-Zyklus funktioniert. Der Preis allerdings ist hoch: Es ist Potsdam selbst. Potsdam!

Das hiesige Lokalparlament steht am Mittwoch vor einer Entscheidung, die mit Fug und Recht als schicksalhaft für diese Stadt bezeichnet werden darf. Die Feierabendpolitiker werden darüber abstimmen, ob das umstrittene "Potsdam-Center", jene schlagzeilenträchtige Shopping-Mall am Bahnhof, in seinen Mega-Dimensionen eröffnet werden darf - oder eben nicht. Allenfalls mit weniger Shops, mit anderen Sortimenten.

Es geht ohnehin nur noch darum, Schaden zu begrenzen. Die fatalste Fehlentscheidung gegen Potsdam, daß das architektonische Desaster durch kulturlose Stadtväter und renditehungrige Baulöwen überhaupt verbrochen wurde, läßt sich wohl nicht mehr rückgängig machen. Nicht "Potsdam-Center", sondern "Potsdam-Bunker" wäre der treffende Name für diesen materialisierten Größenwahn - in Sichtweite einer Altstadt, die einst in ganz Europa für ihre Atmosphäre gepriesen wurde und die wieder zu einer Perle heranwachsen könnte.

Ein Weltbürger versteht in Potsdam manchmal die Welt nicht mehr. Wie konnte man aus diesem unverwechselbaren märkischen Florenz, das trotz aller Gewalttaten der letzten Jahrzehnte seinen Charme nicht verloren hat, im von vornherein aussichtslosen Wettlauf mit Berlin eine "Dienstleistungsmetropole" betonieren wollen! Die Versündigung der SED-Parteifunktionäre an Potsdam in den Mauerjahrzehnten zuvor ist unentschuldbar. Aber es steckte wenigstens eine Ideologie, eine Idee dahinter. Das "Potsdam-Center" ist schlimmer - es ist nur noch trivialer, billiger, geistloser Commerz. Es ist für mich der Verrat Potsdams - an Sanssouci.

Die strengen Hüter des UNESCO-Weltkulturerbes haben laut aufgeschrien - vergeblich. Vergeblich auch der Widerstand aus der kritischen Bürgerschaft gegen das Monster, das mitten in dieser fragilen Stadt ausgesetzt wurde. Merkwürdig übrigens, daß das Hand-in-Hand-Zusammenspiel der Duz-Kumpane bis zum heutigen Tag keinen Staatsanwalt auf den Plan gerufen hat. Das SOS vom Baulöwen an den Baustadtrat, als die ganze Chose aufzufliegen drohte, ist Schwarz auf Weiß überliefert: "Lieber Detlef, bei mir brennt es lichterloh!"

Alle, die Sinn für das komponierte, inszenierte Wunder von Potsdam, für den Esprit dieser verträumten Stadt haben, sind sich einig: Das "Potsdam-Center" müßte abgerissen werden. Dafür mag es zu spät sein. Nicht zu spät ist es, wenigstens seine verheerendsten Folgen für Potsdams Altstadt zu lindern. Sicher, wenn die Stadtverordneten diese Konsequenz aufbrächten, würden die Investoren vielleicht ein paar Millionen weniger verdienen. Kein Wunder, daß sie in den letzten Wochen alle Register gezogen haben, um das Ja der Stadtverordnetenversammlung zu erzwingen. Erstaunlich wäre es, wenn sie es nicht tun würden.

So läuft das Geschäft, tausendfach bewährt. Natürlich sind Profis am Werk, Hut ab, die dafür gut besoldet, und, wenn es schiefläuft, von ihren Vorständen gnadenlos gefeuert werden. Es geht um Millionen, also wird tief in die Tasche gegriffen. Für Gefälligkeitsgutachten, für großformatige Anzeigen in der Lokalpresse. Für Schmiergelder, wie es die Spatzen in jener potsdamerischen Direktheit, welche die Stadt wiederum so sympathisch macht, von den Dächern pfeifen? Nicht zu vergessen, Brot und Spiele, schon im alten Rom effektiv. Man lockt zu biederen Grill-und-Bier-Volksfesten in die Betonarena, man staune, "mit Wellendach!": So infantilisiert man die Bürger, die sich prompt genauso verhalten wie sie behandelt werden. Daß sie scharenweise ins Center strömten, kann für das Stadtparlament kein Maßstab sein - wenn es sich dem langfristigen Wohl Potsdams verpflichtet fühlt. Die Neugier der Potsdamer ist verständlich, aber Neugier verfliegt schnell.

Ich kenne Shopping-Malls in der ganzen Welt. Alle - auch die am Potsdamer Platz in Berlin - sind austauschbar, beliebig, seelenlos. Und alle werden irgendwann Slums. Auch das Potsdam-Center. Es sieht trotzdem leider ganz so aus, als ob die Centeristen über Potsdam siegen werden: Ihre Horrorgeschichten, daß zur Bundesgartenschau eine Investruine am Bahnhof stünde, daß Potsdam mit Millionenklagen rechnen müsse, zeigen offensichtlich Wirkung. Stadtverordnete werden wankelmütig. Selbst die Reihen der Sozialdemokraten bröckeln, obgleich dem Potsdamer Hoffnungs-Stadtoberhaupt Matthias Platzeck damit die erste dramatische Niederlage droht. Diese merkwürdige, unberechenbare Stadt schmiedet gar seltsame Allianzen: von Kapitalisten und Kommunisten. Für das Center marschieren die PDS-Genossen seit Jahren im Gleichschritt - mit dem einst verhaßten Klassenfeind.

Aber die Drohungen mögen noch so dramatisch klingen. Glaubt wirklich jemand, daß der von den Potsdamern ersehnte Kaufland-Supermarkt - der dem Konzern schon im jetzigen Blechzelt-Provisorium ostdeutsche Rekordumsätze beschert - im Bahnhofscenter nur deshalb nicht eröffnet wird, weil es in der Mall weniger Konkurrenzläden gibt? Glaubt wirklich jemand, daß die Investoren etwa Büroflächen im Potsdam-Center gezielt leerstehen lassen und auf Mieten verzichten würden? Will jemand behaupten, daß Potsdams erstes Multiplex-Kino in einer kleineren Mall seinen Spielbetrieb nicht aufnimmt? Wo jeder weiß, daß beim Multiplex-Kampf der Kinogiganten in einer Kleinstadt wie Potsdam derjenige gewinnt, der zuerst am Markt loslegt. Man kann Wetten darauf abschließen, daß von den düsteren Horrorszenarien der Center-Investoren kein einziges eintreten wird.

Man kann aber auch Wetten darüber abschließen, was geschehen wird, wenn die Mall - die zweite geklonte Fußgängerzone Potsdams nach dem Sterncenter - in der Maximalgröße eröffnet. Die Kapazitäten Potsdams, das wird oft vergessen, sind begrenzt. Und die Ängste deshalb allzu berechtigt, daß durch die Sogkraft des Bahnhofsghettos die barocke Altstadt und das Holländische Viertel verkarsten. Wollen die Potsdamer wirklich, daß die zarten Pflänzchen verkümmern, daß die kleinen Geschäfte im Holländischen Viertel, die zauberhaften Straßencafés wie das "Heider" am Nauener Tor meines Potsdamer Freundes Nico Gehn dahinvegetieren oder schließen?

Es gibt Prognosen, daß jedes dritte Geschäft in der Innenstadt den Einkaufsgiganten nicht überleben wird. Potsdam würde seine Romantik, sein schlummerndes und zaghaft wiedergewonnenes Fluidum, seine Stadtkultur verlieren. Gewiß, der sogenannte "Broadway" ist heute verslumt. Die Stadt bräuchte endlich ein kluges Konzept für die Fußgängerzone, aus der man eine Ladenstraße mit Niveau, mit kultivierten, aparten Läden und Kneipen, mit kleinen Luxus-Kaufhäusern à la KaDeWe-Ableger machen könnte und sollte.

Aber ein Argument für das Potsdam-Center ist das Siechtum der Brandenburger Straße nie und nimmer: Es würde just das Engagement all jener zunichte machen, die das ändern, die in ihre Genesung, in die preußischen Baudenkmale investieren. Bemerkt niemand die Verlogenheit, wenn die "seriösen" Herren des Potsdam-Centers verkünden, das Center brauche eine funktionierende Innenstadt? Einkaufszentren sind Singles. Nirgendwo auf der Welt braucht ein Shopping-Center eine Innenstadt. Die Deutschen sind schon ein bizarres Volk. Sie finden Florenz und Rom schön, weil die Städte schön alt und altbelassen sind. Und Potsdam, die Potsdamer scheinen es selbst am wenigsten zu erkennen, hat als einzige deutsche Stadt solch ein mediterranes Gesicht.

"This is not Germany!", schwärmen meine Freunde aus New York, Tokyo und Paris, wenn sie mich in Potsdam besuchen. Wie lange noch? Adieu Potsdam? Adieu Potsdam!

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