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Berliner Festspiele : Ein hyperrealer Traum über eine gedachte nomadische Gemeinschaft von Erika Tanos

Seit der Jahrhundertwende wird lebhaft diskutiert, ob wir von der neuen geologischen Epoche des Anthropozäns sprechen können. Darin steckt die Erkenntnis, wie tiefgreifend der Mensch auf seine Umwelt eingewirkt hat. Wir leben in Zeiten, in denen wir die Welt, in der wir leben, aktiv erschaffen und verändern können. Gleichzeitig sind wir mit der Möglichkeit irreparabler künftiger Schäden konfrontiert. Wir fühlen uns oft hoffnungslos verloren und machtlos.

Unknown Cloud
Unknown CloudFoto: Joakim Olsson

„Wir sind vollkommen verwirrt. Was bin ich? Ich kann mich auf niemanden verlassen.“

Ganz gleich, ob man einer kaum bekannten indigenen Gemeinschaft angehört, wie dem Volk der Karbi in Assam, oder Einwohner Berlins ist (auch eine wahrlich indigenen Gemeinschaft) – dieses Zitat beschreibt ein Gefühl, das wir alle nachempfinden können. Zunehmende Mobilität, fließende Identitäten und personalisierte Nachrichten haben uns von vielen alten Fesseln befreit, gleichzeitig aber zu einer Vielzahl neuer Ängste geführt. Eine Mischung aus Unsicherheit, Misstrauen und Bedeutungsverlust ist die Plage unserer Informationskultur. Weltbilder sind zersplittert, und es ist schwieriger geworden, in großen Gruppen zusammenzuarbeiten. Es fehlen die starken Narrative, die uns durch die Zeiten vereinten.

Auch wenn wir in unserem postmodernen Zeitalter den Glauben an Utopien verloren haben, suchen wir noch immer nach neuen Grundlagen der Integration, um eine globale Gesellschaft zu schaffen, die uns effizientere Formen der Zusammenarbeit ermöglicht. Welche Art von Narrativ könnte uns möglicherweise vereinen, in einer sinnstiftenden Erfahrung, basierend auf etwas ganz und gar Realem, das alle menschlichen Wesen gemeinsam haben? Benedict Anderson beschrieb die Nation einmal als eine „gedachte Gemeinschaft“ – als soziales Konstrukt, denn „auch die Mitglieder der kleinsten Nation werden den größten Teil ihrer Landsleute niemals kennenlernen oder auch nur von ihnen hören. Und doch ist in jeder und jedem von ihnen das Bild ihrer Gemeinschaft lebendig.“ Aber Nationen haben endliche Grenzen und Nationalismus als vereinende Kraft hatte immer seine dunklen Seiten, weil er über Ausschluss funktioniert. Eine radikale Re-Imagination von Gemeinschaften ist vonnöten.

Könnte es jenseits der sozialen Medien etwas geben, das eine neue Form der kollektiven Kommunikation erlaubt, zu einem „Overview-Effekt“ führt, der uns über unsere individuellen Unterschiede erhebt und uns mit „den anderen“ kommunizieren lässt? Wir haben das Potenzial, ein ganz neues Level unbegrenzter gedachter Gemeinschaften zu erschaffen, wie sie sich Benedict Anderson  so sicher nicht vorstellen konnte. Dabei geht es um nicht-staatliche, säkulare, dezentralisierte, alternative Gemeinschaften von Institutionen wie Facebook oder am Arbeitsplatz. Im Gegensatz zu vielen anderen Bewegungen würden wir damit künftige Möglichkeiten erforschen, anstatt in rückwärtsgewandten Wunschträumen festzustecken.

Stellen Sie sich nun in Ihren kühnsten Träumen ein Portal zwischen ihrer unmittelbaren Umgebung und der Lebenswelt weit entfernt lebender, fremder Menschen vor. Was würde geschehen, wenn irgendwie eine nomadische, potentiell unbegrenzte gedachte Gemeinschaft entstünde, deren gemeinsame fiktive Wirklichkeit auf Dingen beruht, die wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können, aber doch allesamt gemeinsam haben? Auf etwas, das uns schon jetzt umgibt, das wir aber bisher nicht erlebt haben, wie zum Beispiel das Gefühl der Erdrotation und der jeweiligen Positionen der Himmelskörper im Sonnensystem? Wir heißen Sie an der äußersten Grenze des rationalen Wissens willkommen – oder wie es Philosophen seit Aristoteles genannt haben, in der Agnoseologie, der „Theorie der Unerkennbarkeit“.

Dieser Artikel gehört zu einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge zum Phänomen der „Unknown Cloud“. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Künstlerduos Lundahl & Seitl hat die App „Caretaker“ entwickelt, um die Signale dieser Cloud zu interpretieren. Laden Sie die App ab dem 30. Juni 2017 kostenlos herunter, um die „Unknown Cloud“ erfahren zu können und genaue Informationen zum Ort und der genauen Zeit des Ereignisses zu erhalten.

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