Der Tagesspiegel : Ärger über Dumpingpreise: Zwei von fünf Schuldnern sind absichtlich säumig

Dorothea Flechsig

Karl-Heinz Machel, Geschäftsführer der Seegefelder Holzverarbeitung GmbH, hat zum Monatsende für seine Firma das Insolvenzverfahren angemeldet. Insgesamt 31 Zimmerer, Tischler und Trockenbauer, sieben Lehrlinge und er selbst sind demnächst arbeitslos. Als Grund gibt der Diplom-Ingenieur neben der gesunkenen Auftragslage in der Baubranche die schlechte Zahlungsmoral der Kunden an.

"Viele Rechnungen, die wir gestellt haben, wurden nicht bezahlt und mehrere Firmen, für die wir tätig waren, haben Konkurs angemeldet. Das konnten wir nicht mehr verkraften", sagt Machel. Er hatte den Betrieb 1992 schon mit Schulden von der Treuhand übernommen - allein 15 Prozent seines Umsatzes musste er für Zins und Tilgung aufwenden. Als es jetzt wegen der fehlenden eingehenden Gelder in der Firmenkasse eng wurde, zeigten sich auch die Banken hartherzig, gewährten keinen Aufschub mehr. Obwohl er nach eigenen Angaben bereits mehr als eine Million Mark zurückgezahlt hatte.

Im Jahr 1999 wurden 457 Betriebe bei der Handwerkskammer Potsdam abgemeldet. Schlechte Auftragslage, Zahlungsrückstände und finanzielle Not gaben diese als Grund für die Streichung aus dem Register an. "Jeder fünfte Betrieb muss 90 Tage und länger auf seine Bezahlungen warten", sagt Sprecherin Ute Maciejok, von der Potsdamer Handwerkskammer. In einer Studie des EU-Parlaments wird geschätzt, dass ein Viertel aller Pleiten in den Unionsländern auf verspätete Zahlungen zurückzuführen sind. Vor allem junge Firmen, die in der Regel nur über eine dünne Eigenkapitaldecke verfügen, stolpern häufig über ungewollte "Kredite" an Kunden. Kritisiert wird von der Baubranche auch die Rücksichtslosigkeit der öffentlichen Hand, die Aufträge an Billiganbieter mit Dumpingpreisen vergibt. Bauvorhaben würden meist nur im Gesamtpaket mit allen Leistungen anstatt in kleineren, überschaubaren Losen ausgeschrieben. Kleinere Handwerksbetriebe können so nicht mitbieten und werden höchstens Dienstleister von großen Baubetreuungsfirmen, die sich den ganzen Auftrag an Land ziehen.

Solche Baubetreuungsfirmen, die mit mehreren Handwerksbetrieben Verträge abwickeln und dann plötzlich Pleite gehen, haben Karl-Heinz Machel um seinen Lohn betrogen, sagt er. "Es trifft immer die kleinen Mitarbeiter am Ende der Kette, die wirklich hart knüppeln müssen", sagt der Ex-Geschäftsführer. "Es gibt dubiose Firmen, die Häuser auf Kosten anderer bauen."

"Zwei von fünf Schuldnern sind absichtlich säumig", stellt der Bundesverband deutscher Inkasso-Unternehmen fest. Die im Verband zusammengeschlossenen Büros treiben mehr als die Hälfte der offenen Forderungen ein - deutschlandweit insgesamt zirka 30 Milliarden Mark.

Die Bauklempnerin Waltraud Hofmann aus Falkensee blieb auf unbeglichenen Rechnungen von insgesamt 150 000 Mark sitzen. Sie meint, dass nur gesetzlich geregelte Bankbürgschaften diesem Problem entgegenwirken könnten. Vor elf Jahren hat Waltraud Hofmann den Betrieb ihres Vaters übernommen. Sie hatte noch vor zwei Jahren sechs Mitarbeiter. Dann hat sie durch den Konkurs eines Bauherrn für eine ganze Neubausiedlung unfreiwillig kostenlos Kupferdächer gefertigt. Heute schlägt sie sich die 52-jährige Meisterin tapfer alleine durch. Nicht nur auf ihren Baustellen: Kürzlich hat sie ihre erste Gerichtsverhandlung gewonnen und einer ihrer Schuldner musste seine Rechnung von 10 000 Mark begleichen. Der vereinbarte Zahlungstermin liegt genau zwei Jahre und drei Monate zurück.

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