Ärzte : Doktor med.ioker

„Türschildforschung“: Unter deutschen Ärzten herrscht eine Titelinflation – jetzt gibt es Ärger in der EU. Der Europäische Forschungsrat erkennt den Dr. med. nicht als gleichwertig mit anderen Titeln an.

Tilmann Warnecke[Amory Burchard],Anja Kühne
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Herr und Frau Doktor. Der Wissenschaftsrat will das »akademische Gewohnheitsrecht« auf den Titel bei Ärzten durchbrechen.Foto: Imago

Aus Sicht der breiten Öffentlichkeit trägt niemand seinen Doktortitel so zu Recht wie ein Arzt. Der Wissenschaftsrat sieht das genau andersherum: Die meisten Mediziner bekommen ihren Doktor verliehen, ohne dafür zu leisten, was in anderen Disziplinen üblich ist. Bei vielen Dissertationen handele es sich um „Türschildforschung“. Die Arbeiten glichen „in vielen Fällen eher Diplomarbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern“, schreibt Ulrike Beisiegel, die Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Gremiums, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Forschung & Lehre“. „Der Erkenntnisgewinn dieser wissenschaftlich oft sehr wenig fundierten Arbeiten ist meist gering und wird als ,pro-forma-Forschung’ bezeichnet“ , sagt Beisiegel, die am Uniklinikum Hamburg als Biochemikerin forscht.

Damit wiederholt Beisiegel die massive Kritik, die der Wissenschaftsrat bereits 2002 und 2004 geäußert hatte. Der Anlass: Auch das European Research Council (ERC), die neue Einrichtung zur Forschungsförderung der EU, die Jahr für Jahr hunderte Millionen Euro an Vorhaben exzellenter Wissenschaftler verteilt, hält den deutschen Dr. med. für minderwertig, nicht zu vergleichen mit dem anglo-amerikanischen Philosophiae Doctor (PhD). „Das kommt faktisch einem Ausschluss junger deutscher Mediziner vom Wettstreit um ERC-Fördermittel gleich“, schreibt Beisiegel. Einen Doktortitel dürften daher künftig auch in Deutschland nur noch die „forschungsorientierten Mediziner“ erhalten, die ihre Promotion nach dem Studium in Angriff nehmen und nicht, wie jetzt üblich, während des Studiums. Die Masse der Mediziner solle die Uni nicht mehr mit dem Dr. med. verlassen, sondern mit der Approbation die Berufsbezeichnung „Medizinischer Doktor“ verliehen bekommen.

Tatsächlich wird der Doktortitel in der Medizin im Vergleich zu anderen Fächern inflationär vergeben.Dem Wissenschaftsrat zufolge promovieren 80 Prozent der Medizinabsolventen. Zum Vergleich: Bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern sind es etwa fünf Prozent. So stellen die Mediziner mit Abstand die meisten Promovierten eines Jahrgangs, nämlich ein Viertel. Dabei beträgt ihr Anteil unter den Absolventen nur 3,3 Prozent. „Angehende Ärzte befürchten, ohne einen solchen Titel im Nachteil zu sein“, schreibt Beisiegel. Im Selbstverständnis der Zunft ist die gesellschaftliche und berufliche Anerkennung als Arzt noch immer untrennbar mit dem Titel verbunden.

Bereits 2004 rügte der Wissenschaftsrat, es habe sich eine Art „akademisches Gewohnheitsrecht“ bei den Medizinern entwickelt, „demzufolge die Verleihung des Doktorgrades weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen erfolgt“. Der damalige Vorsitzende der Wissenschaftsrats, der heutige Charité-Vorstandsvositzende Karl Max Einhäupl, erklärte: „Überspitzt gesagt, untersuchen manche solcher Dissertationen irrelevante Fragestellungen mit unzulässigen Methoden und erhalten zu guter Letzt noch einen wohlklingenden Titel.“ Eine anspruchsvolle Dissertation könne kaum studienbegleitend verfasst werden, wie es in der Medizin die Regel sei.

Der Wissenschaftsrat stützte sich bei seiner Kritik auch auf eine Umfrage unter Promovenden einer Medizinischen Hochschule. Von der Stundenanzahl, die die jungen Mediziner für ihre Arbeit aufwandten, glichen die Dissertationen „eher Diplomarbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern“. Nur 38 Prozent hatten bis zum Einreichungstermin ihre Ergebnisse als Originalarbeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert. Nur weitere 19 Prozent planten später eine Publikation ihrer Ergebnisse. In anderen Fächern ist eine Publikation Pflicht.

Der Wissenschaftsrat will daher die studienbegleitende Dissertation nur noch in Ausnahmefällen zulassen. Stattdessen sollen Mediziner die Promotion wie in allen Fächern erst im Anschluss an das Studium in Angriff nehmen. „Nur so kann das Niveau der Dissertationen dem der übrigen Fächer angeglichen werden“, schreibt Beisiegel. Einen „Dr. med“ würden dann nur die forschungsorientierten Mediziner erhalten. Alle anderen sollen die Bezeichnung „Medizinischer Doktor“ (MD) als akademischen Grad erhalten – wie es im angelsächsischen Bereich üblich ist. Mit dieser Trennung hofft der Wissenschaftsrat auch, an der Forschung interessierte Mediziner besser zu fördern als bisher.

Der Medizinische Fakultätentag lehnt die Vorschläge des Wissenschaftsrats vehement ab. „Der Dr. med. ist für viele das Synonym für einen Arzt, der in der Forschung tätig ist“, sagt Generalsekretär Volker Hildebrandt. Für angehende Mediziner sei die Studienzeit meistens die einzige Gelegenheit, sich einer wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. In der Facharztausbildung, die auf das Studium folgt, sei dafür keine Zeit. Die Vorschlägen des Wissenschaftsrats würden die Studienzeit verlängern. Auch der Marburger Bund, in dem die angestellten und beamteten Ärzte organisiert sind, ist gegen einen „Medical Doctor“ für nichtforschungsorientierte Mediziner. Zwei Titel anzubieten, würde Forschung und Klinik entkoppeln, sagt Rudolf Henke, der Vorsitzende des Marburger Bundes. Die hohen Qualitätsansprüche des ERC entwerteten den Dr. med. aber keineswegs. „Wer sich nicht für die Championsleague qualifiziert, kann trotzdem in der Bundesliga erfolgreich sein.“

Auch die Kultusministerkonferenz lehnte den „Medizinischen Doktor“ 2006 ab. Die Minister beschlossen aber Kriterien für die Mediziner-Promotion: Den Zugang sollen nur Studenten mit überdurchschnittlichen Leistungen erhalten und die Promotion sollte „in organisierter Form“ betreut werden. Die Länder verpflichteten sich, die Kriterien in Zielvereinbarungen mit den Unis durchzusetzen.

Bei den medizinischen Promotionen der Charité gebe es durchaus einen hohen Anteil, der gleichwertig mit dem PhD sei, sagt Annette Grüters-Kieslich, Dekanin der Berliner Universitätsmedizin. Die Charité lege hohe Qualitätsmaßstäbe an die Forschungsleistungen, alle Promotionen würden durch auswärtige Wissenschaftler begutachtet. Zu Recht fordere aber der Wissenschaftsrat „klare Verhältnisse“ in der medizinischen Doktorandenausbildung. Die Charité wolle flächendeckend Promotionsstudiengänge einführen, alle Dissertationen sollten in Graduiertenschulen entstehen. „Dann weiß man auch, was im Doktortitel drin ist“, sagt Grüters-Kieslich.

Ernst-Ludwig Winnacker, der Generalsekretär des ERC, sagte, für einen medizinischen Doktorgrad forschten Studierende in Deutschland oft nur sechs bis acht Monate. Das sei natürlich nicht mit einem PhD gleichzusetzen, der drei oder vier Jahre dauere. Könne ein junger medizinischer Forscher aus Deutschland nachweisen, dass er mehrere Jahre an seiner Doktorarbeit geforscht habe, könne er selbstverständlich auch mit seinem Dr. med. einen Antrag beim ERC stellen. Ähnlich verfahre der ERC bei Wissenschaftlern aus anderen europäischen Ländern: Auch hier müssten die Wissenschaftler nachweisen, wie lange sie an ihrem Thema geforscht hätten. Betroffen seien nur sehr wenige Fälle.

Der Streit um den Wert des medizinischen Doktors spaltet die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen offenbar. Der Präsident der DFG, Matthias Kleiner, hat in einem Brief vom 16. März an den ERC-Präsidenten Fotis Kafatos gegen die Praxis des ERC protestiert. Der „Dr. med.“ müsse mit dem PhD gleichgestellt werden. Die DFG habe zwar bereits 2001 gefordert, dass der wissenschaftliche Gehalt medizinischer Doktorarbeiten größer werden müsse, sagte gestern DFG-Vize Jürgen Schölmerich. Inzwischen sehe man aber „deutliche Fortschritte“.

Die Schwäche des Dr. med. bedeutet allerdings noch nicht, dass Deutschland generell großzügig mit Titeln umgeht. Bis vor kurzem hatte es der PhD hierzulande nicht leicht. 2008 bewegte der Fall von Ian Baldwin, einem amerikanischen Forscher am Max-Planck-Institut in Jena, die Scientific community. Gegen Baldwin und eine Handvoll ausländischer Kollegen an Max-Planck-Instituten ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Titelmissbrauchs. Sie hatten als Dr. beziehungsweise Prof. Dr. firmiert, anstatt ihren in der Heimat erworbenen PhD-Titel dem Namen nachzustellen. Die KMK reagierte mit einem Beschluss, der es seitdem ausländischen Forschern erlaubt, den deutschen Dr. zu führen, wenn sie „Inhaber von in einem wissenschaftlichen Promotionsverfahren erworbenen Doktorgraden“ sind. Das gilt etwa für Doktorgrade aus der EU, Australien und den USA.

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