Ärzte : Entscheidungen im Minutentakt

11.04.2010 00:00 UhrVon Carola Sonnet
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Kein Traumberuf mehr. 5000 Arztstellen in Krankenhäusern sind unbesetzt, in vier Jahren könnte sich diese Zahl verdoppeln. Foto: dpa

Immer weniger Ärzte wollen in Krankenhäusern arbeiten – der Druck ist hoch. Und nicht alle halten der Belastung stand.

Der Fall schien so klar: Ein Patient kam in die Notaufnahme, weil er Brustschmerzen gehabt hatte, die mittlerweile verschwunden waren. Nikolaj Frost war als Arzt bei allen Untersuchungen dabei, der Mann zeigte keine Symptome mehr, die Werte waren normal. Sie behielten ihn zur Beobachtung da, obwohl er unbedingt nach Hause wollte. Nachts lief er plötzlich blau an und starb kurze Zeit später, an einem Lungenödem. „In der Nacht habe ich nicht gut geschlafen“, erinnert sich Frost heute noch.

Schwierige Situationen wie diese gehören zum Alltag von Ärzten, gerade wenn sie im Krankenhaus arbeiten. Mit dem Gefühl, einem Patienten nicht mehr helfen zu können, muss man leben können.

Und sich schützen: „Man muss eine Grenze ziehen zwischen Beruf und Privatleben“, sagt der junge Arzt. Er ist 29 Jahre alt, will Internist werden. Seit zwei Jahren arbeitet er an der Charité in Berlin.

Die Distanz zu finden ist nicht leicht bei der großen Arbeitsbelastung. 5000 Arztstellen sind nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts unbesetzt, in vier Jahren könnte sich diese Zahl verdoppeln, fürchtet der Chef des Marburger Bundes, Rudolf Henke. An vielen Kliniken kann der normale Betrieb kaum aufrechterhalten werden. Laut Marburger Bund nimmt die Arbeitsbelastung noch zu. In einer Studie der Gewerkschaft bezeichnete schon 2007 etwa die Hälfte der 19 000 befragten Mitglieder ihre Arbeitsbedingungen als schlecht oder sogar sehr schlecht. 40 Prozent gaben an, 60 bis 80 Stunden pro Woche zu arbeiten.

Frost schiebt zwischen drei und fünf Nachtdienste im Monat, auf seiner ersten Station in der Rettungsstelle waren es eher sechs bis acht. Mit der Entscheidung für die Facharztausbildung als Internist hat Frost die längste von allen gewählt, die Königsdisziplin. Sechs Jahre wird er dafür brauchen. Dass er viel arbeiten würde, wusste er schon vor dem Studium – sein Vater ist auch Internist. Noch ist ihm die Belastung aber nicht zu hoch: „Bis jetzt geht''s“, sagt er. Überstunden schreibt er auf, bei guter Besetzung kann er mal früher gehen oder zuhause bleiben, „das war früher sicher schlechter“.

Von 7.30 Uhr bis 8.30 Uhr am nächsten Morgen ist er bei Nachtschichten im Krankenhaus, ab 16.30 Uhr im Bereitschaftsdienst, nachts steht ein Bett bereit, in dem er schläft, bis das Telefon klingelt und jemand versorgt werden muss. Das Jahr in der Notaufnahme vorher war abwechslungsreicher: Frost hatte dort einen ganz engen Draht zu den unterschiedlichen Fachdisziplinen, flachere Hierarchien. Hier hat er das Handwerk gelernt, hat verstanden, wie ein Krankenhaus funktioniert. Die Fälle kamen im Minutentakt rein, auch nachts.

Voll konzentriert zu arbeiten wenn andere schlafen, das ist die Herausforderung, für die die Ärzte eine bessere Bezahlung fordern. Bisher werden Bereitschaftsdienste nicht als vollwertige Arbeitszeit gewertet, so lassen sich Kosten sparen. Frost verdient in seinem zweiten Ausbildungsjahr 2500 Euro netto im Monat, inklusive Schichtzulage.

Auf der Station verbringt er genauso viel Zeit mit den Patienten wie mit Papierkram: „Die Hälfte der Zeit sitze ich am Computer.“ Er schreibt Berichte, fügt Befunde ein, formuliert Entlassungsbriefe.

Weil er eher jugendlich wirkt, haben ihn schon manchmal Patienten gefragt: „Wann kommt denn der Arzt?“ Aber das macht ihm nichts aus. Hauptsache, er hat das Gefühl, ihnen helfen zu können. Und das hat er meistens. (HB)

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