Der Tagesspiegel : Afghanische Familien: Die Angst vor der Rache

Sandra Dassler

Für einige gehört Kanishka Wiar jetzt zu den Tätern. Weil er Afghane ist und Afghanistan zu den Ländern gehört, die mit dem Terroranschlag in den USA in Zusammenhang gebracht werden. 18 Jahre ist er alt, sein Vater als politischer Flüchtling anerkannt, seit zehn Jahren lebt die Familie in Hennigsdorf. Kanishka besucht die 11. Klasse des Gymnasiums, engagiert sich in einer Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit, hat viele deutsche Freunde. Doch als sie in der Schule über die Anschläge sprachen, hätten Schüler gesagt: "Wenn das die Afghanen waren, machen wir die platt."

Das hat Kanishka gehört, aber glauben will er das nicht: "So einfach kann man es sich doch nicht machen. Ich werde mit ihnen reden, ihnen erklären, dass das afghanische Volk nichts dafür kann. Die Menschen dort sind keine Terroristen. Sie sind müde vom Bürgerkrieg, sie hungern." Vor Feindseligkeiten gegenüber Moslems un Arabern hat bereits auch der Cottbuser Generalsuperintendent Rolf Wischnath gewarnt. Der Träger eines angesehenen US-Kirchenpreises sieht zudem die Gefahr, dass Rechtsextremisten fremdenfeindliche Ressentiments gegen Moslems zu neuen Gewalttaten nutzen.

Auch die Wiars befürchten das. Sie sitzen wie alle afghanischen Familien in Hennigsdorf jetzt die meiste Zeit vor dem Fernseher. Bei Ingenieur Amanullah Torkany läuft den ganzen Tag CNN. Der 52-Jährige, erst kürzlich in Deutschland als politischer Flüchtling anerkannt, hat in den 60er Jahren am Afghan Institute of Technology studiert und ist sicher, dass der in Afghanistan untergetauchte Extremist Osama bin Laden hinter den Attacken steht: "Er hat die Erfahrungen, das Geld, die Verbindungen - und er hat die in Kabul herrschenden Taliban fest im Griff." Kanishkas Vater, Mohammed Kabir Wiar (60), widerspricht: "Es ist überhaupt nicht klar, ob es bin Laden war. Es können auch die Palästinenser gewesen sein. Oder Saddam Hussein." Wiar befürchtet einen Gegenschlag. Seine Schwester lebt in Afghanistan: "Wir teilen den Schmerz der Amerikaner, wir haben in den vergangenen Jahren viele Freunde verloren, wir wissen, wie es ist, geliebte Menschen durch Terror zu verlieren." Wiars Töchter Brishna (21) und Sunika (23) nicken. Plötzlich fällt das Wort Afghanistan im Fernsehen.

CNN-Reporter Niel Robertson verkündet, dass die UN-Hilfsorganisationen alle Mitarbeiter aus dem Land abziehen. "Oh Gott", flüstert Sunika, "wisst ihr, was das bedeutet?" Ingenieur Torkany sagt sarkastisch: "In Afghanistan gibt es schon längst keine hohen Gebäude mehr, in die man hineinfliegen kann. Aber warum haben die nicht längst Blauhelme nach Afghanistan geschickt - so wie nach Mazedonien? Ganz unschuldig sind die Amerikaner ja nicht an der Situation. Sie haben die Taliban und auch Osama bin Laden einst als Freiheitskämpfer hochstilisiert." Torkany schüttelt resigniert den Kopf: "Wahrscheinlich hilft jetzt wirklich nur noch, das ganze Land zu zerstören." Brishna Wiar wird wütend: "Das sagt er nur, weil er ein tadschikischer Afghane ist. Ein Angriff der USA würde vor allem uns Paschtunen treffen. Wir stellen die Bevölkerungsmehrheit." Ihr Bruder Kanishka will den Streit schlichten. "So einfach kann man es sich nicht machen", sagt er zum zweiten Mal an diesem Tag. "Meinst Du jetzt die Amerikaner oder mich?", fragt Brishna. Doch Kanishka bleibt seiner Schwester eine Antwort schuldig. Der CNN-Reporter berichtet von Übergriffen auf Moslems in einigen US-Bundesstaaten.

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