Afghanistan : Berlin in Sorge um kranke Geisel

Bundeskanzlerin Angela Merkel will "alles Verantwortbare" unternehmen, um die deutsche Geisel in Afghanistan freizubekommen. Auf die Forderungen der Entführer werde die Bundesregierung nicht eingehen.

Kandahar/BerlinDer Nervenkrieg um den in Afghanistan verschleppten zweiten Deutschen geht weiter. Unklarheit herrscht weiterhin über den Gesundheitszustand der Geisel. Nach Informationen des ARD-Hörfunk-Studios in Kabul ging es dem Entführten "den Umständen entsprechend gut". Der Taliban-Sprecher Jussuf Ahmadi behauptete hingegen, der Mann sei "sehr krank" und verliere immer wieder das Bewusstsein. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios gab es am Sonntag einen telefonischen Kontakt zu der entführten deutschen Geisel. Die deutsche Botschaft habe versucht, dem Herzkranken die erbetenen Medikamente zukommen zu lassen. Es sei aber nicht bekannt, ob sie angekommen seien.

Nach Informationen des ARD-Hörfunk-Studios in Kabul befand sich der Deutsche in den etwa 3000 Meter hohen Bergen der südöstlichen Provinz Ghasni, der Nachbarprovinz von Wardak, wo die beiden Ingenieure am Mittwoch zusammen mit fünf Afghanen verschleppt worden waren. Laut ARD befanden sich afghanische Sicherheitskräfte in der Nähe des Aufenthaltsorts der Entführten, griffen aber nicht ein. Die Verhandlungen gestalteten sich vor allem wegen der langen Kommunikationswege unter Vermittlung von Stammesältesten schwierig.

Außenamtssprecher Martin Jäger sagte, der Krisenstab bemühe sich intensiv um die Freilassung des Deutschen. Zu Berichten, wonach Luftbilder von Bundeswehr-Tornados zur Ortung der Geiselnehmer beitrugen, wollte Jäger nicht Stellung nehmen. Die Leiche des deutschen Bauingenieurs, der in Geiselhaft gestorben war, sollte am Mittwoch ausgeflogen und am Donnerstag obduziert werden. Die Gründe für die Verzögerung des ursprünglich für Dienstag geplanten Rücktransports des toten Deutschen seien auf Abläufe in Kabul und den Flugbetrieb vor Ort zurückzuführen.

Demonstration für entführte Südkoreaner

In Ghasni, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, demonstrierten fast tausend Menschen für die Freilassung der 23 südkoreanischen Geiseln, die einen Tag nach den beiden Deutschen verschleppt worden waren. Nach Polizeiangaben riefen sie Parolen gegen die radikalislamischen Taliban. "Wir verlangen von den Taliban, die Geiseln so schnell wie möglich freizulassen", sagte einer der Demonstranten der Nachrichtenagentur AFP. "Die Taliban sollten sich schämen, Frauen zu entführen", empörte sich ein anderer.

Bei den Mitgliedern einer südkoreanischen christlichen Missionsgruppe handelt es sich überwiegend um Frauen. Die Taliban verlangten im Gegenzug für ihre Freilassung die Freilassung von 23 ihrer Kämpfer aus afghanischen Gefängnissen. Wenige Stunden vor Auslaufen des Ultimatums befand sich eine südkoreanische Delegation in Ghasni, um über Stammesälteste Verhandlungen mit den Geiselnehmern zu führen, wie der Polizeichef der Provinz, Alischah Ahmadsai, mitteilte. Der Delegation gehörte nach seinen Worten auch der südkoreanische Botschafter in Afghanistan an. Taliban-Sprecher Ahmadi bestätigte dies, die südkoreanische Botschaft in Kabul lehnte eine Stellungnahme ab.

Bei Gefechten im Süden des Landes wurden nach Polizeiangaben zwei Polizisten und 26 Taliban-Kämpfer getötet. Die Taliban hätten einige Tage lang eine Straße zwischen den Provinzen Kandahar und Orusgan blockiert. Diese sei nun frei, hieß es. (mit AFP)