Afghanistan : Deutsche Soldaten sollen nicht im Süden kämpfen – doch wer dann?

US-Verteidigungsminister Robert Gates fordert mehr Engagement von den Deutschen im umkämpften Süden Afghanistans. Sein deutscher Amtskollege hält davon gar nichts. Auch wenn die Verbündeten weiter bitten - die Bundeswehr ist gar nicht in der Lage, weitere Einsätze zu stemmen. Tagesspiegel.de bat einen Soldaten um seine Einschätzung.

Nicole Meßmer
Deutscher Soldat in Afghanistan
Deutscher Soldat in Afghanistan: Bundeswehrverband fordert Verstärkung. -Foto: dpa

BerlinDie so genannte Frühjahrsoffensive in Afghanistan steht bevor, die Taliban rüsten gegen ausländische und afghanische Truppen. Auch innenpolitisch ist die amerikanische Regierung unter Druck. Washington will die eigene Truppenstärke in Afghanistan nochmals um 3200 Soldaten erhöhen, was selbst im eigenen Lager auf Kritik stößt. Im Sommer sollen die Truppen daher wieder nach Hause zurückkehren. Dann muss Ersatz her.

Wenn es nach dem Willen von US-Verteidigungsminister Robert Gates geht, könnte dieser Ersatz auch von der Bundeswehr kommen. In einem Brief forderte er seinen Amtskollegen Franz-Josef Jung auf, deutsche Soldaten für Kampfeinsätze im gefährlichen Süden zur Verfügung zu stellen. Auch die Kanadier erhöhen den Druck. Ottawa hatte zu Beginn der Woche mit einem Rückzug aus dem Einsatzgebiet gedroht, wenn die kanadischen Truppen nicht Verstärkung anderer Nato-Armeen erhielten.

Zwei Kriege, die militärisch kaum zu gewinnen sind

Florian Rabert* war stellvertretender Einheitsführer im 11. Kontingent in Afghanistan und kennt die Situation vor Ort. Der Wunsch der alliierten Truppen ist für ihn durchaus nachvollziehbar. „Insbesondere die Amerikaner haben einen personellen Engpass. Nach dem, was ich dort unten gesehen und gehört habe, sind auch sie an ihre Grenzen des Machbaren gestoßen. Der Großteil der aktiven Verbände ist gegen Truppen der Reserve und der Nationalgarden ersetzt worden. Die kriechen auf dem Zahnfleisch.“ Die USA engagiert sich seit Jahren im Irak und in Afghanistan, zwei Kriege, die militärisch kaum zu gewinnen sind. „Da sowohl Enduring Freedom als auch Isaf Nato-geführte Einsätze sind, kann man auch durchaus erwarten, dass die Deutschen gegenüber ihren Bündnispartnern auch jenseits der regionalen Zuständigkeit im Norden Verantwortung zeigen.“

In Deutschland indes wird Gates’ Brief mit Empörung aufgenommen. Verteidigungsminister Jung machte sogleich klar, dass es keinen dauerhaften Einsatz im Süden Afghanistans geben werde: „Wenn Freunde in Not geraten, werden wir - so wie es das Bundestagsmandat vorsieht - zeitlich befristet Unterstützung leisten. Ich denke aber, dass es weiterhin bei unserem Schwerpunkt im Norden bleiben muss“, so der CDU-Politiker. „Wir haben eine klare Aufgabenteilung verabredet“, sagte Jung. Eine Änderung des Bundestagsmandats lehnte er ab.

Die Bundeswehr stößt an ihre Grenzen

Rabert* versichert, dass er in den Einsatz gehen würde, wenn man ihn dorthin beordern würde Selbstverständlich sei das Risiko, im Süden durch Gefechte oder Hinterhalt verletzt oder getötet zu werden, größer. Aber er sagt auch: „Es ist unsere Pflicht, wir haben schließlich einen Eid geleistet.“ Dafür müssten allerdings erst die geeigneten Voraussetzungen geschaffen werden: „Wir brauchen mehr geeignete Ausrüstung, mehr Entlastung in bürokratischen Abläufen, aber vor allem mehr Personal, um den einzelnen Soldaten in der Einsatzintensität zu entlasten. Die Soldaten sind jetzt schon nur etwas länger als ein Jahr zu Hause, bevor sie in den nächsten Einsatz gehen. Die Belastung wird langsam aber sicher unerträglich. Auch Soldaten haben Familie.“

Die Bundeswehr verfügt über das notwendige Know-How und auch an der richtigen Einstellung der Soldaten mangelt es nicht. Aber: „Es fehlt an Manpower und an Ausrüstung“, erklärt Rabert*. Die deutschen Truppen sind derzeit an insgesamt zehn Einsätzen weltweit beteiligt: auf dem Balkan, in Afrika und in Afghanistan. Mehr ist nicht drin, das wiederholt die Bundeswehr seit Jahren gebetsmühlenartig.

Hinzu kommt: „Was wir im Süden brauchen, sind ‚boots on the grounds’, sprich Infanterieeinheiten, die in der Lage sind zu kämpfen. Die Situation im Süden ist nichts anderes als ein Guerillakrieg.“ Vor allem bei der Infanterie ist aber immer wieder gekürzt worden. „Wir haben in den vergangenen Jahren einen unglaublichen bürokratischen Schwammkopf aufgebaut“, findet zumindest Hauptmann Rabert*: „Wir sind ja noch nicht einmal jetzt in der Lage, ausreichend Waffen, Munition und Ausrüstung zu stellen. Ich habe es immer wieder erlebt, dass Soldaten in den Einsatz kommen und keine Ahnung haben, wie sie ein Fahrzeug zu bedienen haben, weil es in Deutschland keine vergleichbaren Modelle gab, an denen die Leute ausreichend ausgebildet werden können. Der Bericht des Wehrbeauftragten des Bundestages ist voll von solchen Missständen."

Nicht die erste und nicht die letzte Bitte um Unterstützung

Das Problem ist: Die Einsätze in Afghanistan und Irak haben die Amerikaner an den Rand des Machbaren gebracht. Auch die anderen Truppen sind an ihre Grenzen gestoßen. In Vietnam waren zu Spitzenzeiten 600.000 Soldaten gleichzeitig im Einsatz. In Afghanistan sind es derzeit im Rahmen der beiden Einsätze Isaf und Operation Endurimg Freedom (OEF) Schätzungen zufolge zwischen 50.000 und 60.000. Rabert* schlägt vor, die Einsätze besser miteinander zu verknüpfen, aber auch die internationalen Hilfsorganisationen besser einzubeziehen. Nur gemeinsam gelänge es, die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen, Sicherheitskräfte auszubilden und vor allem das Vertrauen der Zivilgesellschaft zurück zu gewinnen.

Verteidigungsminister Jung hat klar gemacht, dass er keine Soldaten in den Süden schicken will. Er wird versuchen, das Ansinnen der Alliierten mit dem Verweis auf ein stärkeres Engagement im Norden des Landes ablehnen. Bereits Anfang der Woche hatte Deutschland signalisiert, der Bitte aus dem Nato-Hauptquartier nachkommen zu wollen, 250 Kampfsoldaten im Rahmen einer schnellen Eingreiftruppe nach Afghanistan zu schicken.

Doch es wird immer schwieriger für die Deutschen, sich den Bitten der Verbündeten zu entziehen. Es ist kein neues Ansinnen, das Robert Gates formuliert hat. So kam es Ende 2006 zu einem Eklat, als ein britischer Delegierter bei einer Nato-Hauptversammlung den Deutschen vorwarf, kanadische Truppen im Stich gelassen zu haben. Zwölf kanadische Soldaten starben. Nächste Woche treffen sich die Nato-Verteidigungsminister im litauischen Vilnius, einen Tag später findet die Sicherheitskonferenz in München statt. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.