Afghanistan-Einsatz : "Mit Angst sollte man nicht hin"

Der Anschlag in Afghanistan hat erstmals Opfer unter deutschen Polizisten gefordert. Was bringt die Beamten dazu, sich freiwillig für den gefährlichen Auslandseinsatz zu melden?

Christoph Trost,Kristina Dunz
Afghanistan Isaf
Deutsche Soldaten des Isaf-Kommandos. -Foto: dpa

Berlin Plötzlich waren sie wieder klar im Gedächtnis, die Bilder toter afghanischer Kollegen. Die Erinnerungen an Explosionen und ständige Schießereien bei Nacht - und an das ohrenbetäubende Krachen von Raketeneinschlägen nur ein paar Meter weiter. Als der 40-jährige Polizeibeamte, der seinen Namen nicht nennen will, vom Tod seiner drei Kollegen bei einem Anschlag in Kabul erfährt, muss er natürlich sofort an seinen eigenen, schon einige Zeit zurückliegenden Einsatz in Afghanistan denken. Und daran, wie es den drei Familien wohl gehen mag, die ihre Ehemänner, Väter und Söhne jetzt in Deutschland zurückerwarten - in Särgen.

Mit einer Trauerfeier im Berliner Dom soll den Toten an diesem Samstag die letzte Ehre erwiesen werden. Wahrscheinlich wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Zeremonie teilnehmen. Die Männer waren die ersten deutschen Polizisten, die bei einem Anschlag in Afghanistan getötet wurden. Ihr Fahrzeug wurde von einem Sprengsatz zerstört. Zuvor hatten bereits 25 Bundeswehr-Soldaten am Hindukusch ihr Leben gelassen, davon 11 bei Anschlägen.

Betroffen und nachdenklich habe ihn die Nachricht vom Tod seiner drei Kollegen gestimmt, sagt der 40-Jährige, der heute wieder in Deutschland Dienst tut. Seinen eigenen Einsatz in Afghanistan hat er allerdings bis heute nie bereut, auch wenn die Gefahr für Leib und Leben dort - damals wie heute - enorm ist. "Aber wenn man ständig Angst hat, sollte man da auch nicht hingehen", fügt er hinzu.

92 Euro Zulage

Aber was bringt einen deutschen Polizeibeamten dazu, sich freiwillig für einen Auslandseinsatz etwa in Afghanistan zu bewerben - ob zur Botschaftssicherung oder zur Polizeiausbildung? Im Gegensatz zu Soldaten können Polizisten schließlich nicht gegen ihren Willen ins Ausland geschickt werden. Sind es die 92 Euro pro Tag, die man als Zulage bekommt und mit denen man sein Einkommen fast verdoppeln kann? Ist es Abenteuerlust? Oder der Wille, zu helfen?

Für viele Beamten sei wohl das zusätzliche Geld ausschlaggebend, sagt der 40-Jährige, auch wann man davon "nicht reich" werde. Andererseits sei es die Suche nach einer neuen Herausforderung, die Suche nach Abwechslung. "Die Aufgaben reizen ja auch", sagt er. Ein weiterer Polizist, der schon mehrmals im Ausland war, sagt dagegen mit Blick auf das durch derartige Einsätze leidende Familien- und Privatleben: "Das Geld wiegt die ganze Sache überhaupt nicht auf." Und auch der Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sieht in der 92-Euro-Zulage keinen Grund, warum Beamte ins Ausland gehen. "Wenn man das Risiko und die Entbehrungen, die die Kollegen auf sich nehmen, in Relation zum Entgelt stellt, kann es einen finanziellen Anreiz nicht geben", sagt er. Zudem seien die Beamten "auf keinen Fall Abenteurer", sondern "solide Polizisten".

Gezieltes Training vor dem Einsatz

Tatsächlich durchlaufen Beamte vor einem Auslandseinsatz ein umfangreiches Auswahlverfahren - mit Sprach- und Gesundheitstests sowie Gesprächen mit Psychologen. Zudem würden die Polizisten gezielt auf ihren jeweiligen Einsatzort vorbereitet, sagt der 40-Jährige. Und am Ort seien tägliche Briefings die Regel, in denen die Beamten über die Entwicklung der Sicherheitslage und Hinweise auf möglicherweise bevorstehende Anschläge unterrichtet werden. Er habe sich "nicht gefährdet gefühlt", sagt der Beamte dann noch. Zumindest nicht über ein bei einem derartigen Einsatz übliches Maß hinaus.

Lediglich die Ausrüstung hält er - ebenso wie die Gewerkschaften - für verbesserungswürdig. Es müsse in Afghanistan eine ausreichende Zahl gepanzerter Fahrzeuge auch für die Polizei geben, sagt er. "Wir brauchen den maximalen Schutz - das, was möglich ist", betont er.

Ein gewisses Restrisiko wird man aber - darauf verweisen alle Beteiligten - nie ganz ausschließen können. Denn gegen immer perfider werdende Methoden von Terroristen hilft im Extremfall möglicherweise auch keine noch so starke Panzerung.