Afghanistan : In Kabul entführte Deutsche ist frei

Die entführte Deutsche Christina M. ist von afghanischen Sicherheitskräften befreit worden und befindet sich in der Obhut der deutschen Botschaft in Kabul. Mehrere Männer wurden verhaftet, darunter auch der Drahtzieher der Entführung.

KabulDie in Afghanistan entführte Deutsche Christina M. ist von der afghanischen Polizei nach anderthalb Tagen Geiselhaft befreit worden. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte am späten Sonntagabend die Befreiung. "Sie befindet sich in sicherer Obhut der deutschen Botschaft in Kabul", sagte eine Sprecherin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich erleichtert. Von dem vor rund einem Monat entführten deutschen Ingenieur Rudolf B. gab es ein neues Lebenszeichen.

Die afghanische Polizei verhaftete offenbar vier Männer. Darunter soll auch der Drahtzieher der Entführung sein. Das berichtete der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Semarai Baschari. Außerdem sei der Hintermann der Morde an zwei deutschen Journalisten gefasst worden. Die beiden Deutsche-Welle-Mitarbeiter waren im vergangenen Oktober in Nordafghanistan erschossen worden, als sie dort zelteten.

Die ARD berichtete, das Haus, in dem sich Christina M. befand, sei in einer gemeinsamen Aktion von Kräften des afghanischen Innenministeriums und des Geheimdienstes gestürmt worden. Bei der Frau habe sich nur noch ein Bewacher befunden, der geflohen sei. Die 31-Jährige sei gesund.

Ganzes Stadtviertel abgeriegelt

Das ZDF berichtete, die Geiselbefreiung sei den ganzen Tag vorbereitet worden. Sicherheitskräfte hätten ein ganzes Stadtviertel im Westen Kabuls abgeriegelt. Dann seien einzelne Häuser durchsucht worden. Der Sturm auf das Haus sei nach Mitternacht Ortszeit erfolgt. Bei den Entführern handle es sich offenbar um Kriminelle. Sie hätten wohl geglaubt, bei der Entführung einer Frau das meiste Geld herausschlagen zu können.

Christina M. war am Samstag von bewaffneten Männern aus einem Kabuler Restaurant verschleppt worden. Sie leitete das Büro von ora international in Kabul. Am Sonntag hatte ein afghanischer Fernsehsender ein Video gezeigt. Darin hatten die Entführer erklärt, nicht den radikal-islamischen Taliban anzugehören und die Freilassung von Gefangenen gefordert.

Steinmeier dankte der afghanischen Regierung und den Behörden des Landes für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit. "Ich bin sehr froh und erleichtert, dass die entführte Deutsche wieder in Freiheit ist", sagte er. Er dankte auch dem deutschen Krisenstab und der deutschen Botschaft in Kabul. Die Bundesregierung werde in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, auch die Freilassung des entführten deutschen Ingenieurs zu ermöglichen.

Telefonat mit Rudolf B.

ARD-Reporter aus Kabul berichteten am Sonntagabend in der ARD-"Tagesschau", sie hätten mit dem 62-jährigen Rudolf B. telefoniert. Er habe beklagt, dass sich sein Gesundheitszustand verschlechtere und er frage sich, warum nicht endlich gezahlt werde, um diese Sache zu beenden. Rudolf B. habe gefordert, die deutsche Botschaft müsse mehr Druck auf die Entführer ausüben. Auf Nachfrage hätten deutsche Behörden bestätigt, dass es sich tatsächlich um die Stimme von Rudolf B. handle.

Die christliche Hilfsorganisation Ora international, für die Christina M. arbeitet, verteidigte sich gegen den Vorwurf der Unvorsichtigkeit. Sprecher Ulf Baumann betonte: "Wir sind ganz sicher nicht unvorsichtig oder dumm vorgegangen." Die Organisation sei seit 1991 in Afghanistan tätig und habe viele Erfahrungen in dem Land gesammelt. Christina M. sei nach ihrer Ankunft in Kabul von langjährigen Mitarbeitern eingewiesen worden und habe ein Sicherheitstraining erhalten. Außerdem sei ora international an ein Sicherheitsnetz ausländischer Organisationen in Afghanistan angeschlossen und habe regelmäßig per E-Mail Warnungen der deutschen Botschaft erhalten. Die Organisation hat Baumanns Angaben zufolge 20 ausländische Mitarbeiter in Afghanistan, unter ihnen Holländer und einen Amerikaner.

Rückkehr nach Deutschland geplant

Nach einem Bericht der "Stuttgarter Nachrichten" hatte Christina M. geplant, im Oktober nach Baden-Württemberg zurückkehren, um in der Heimat ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. "Sie haben sich in dem Land gut eingelebt, erstaunlich schnell die afghanische Sprache gelernt und etliche Hilfsprojekte auf den Weg gebracht", sagte Albrecht Hauser, Pfarrer im Ruhestand aus Korntal-Münchingen, der Zeitung. Er habe die Frau und ihren Mann, einen Ingenieur, noch im Mai in Kabul besucht. (mit ddp, dpa)