Afghanistan : Lebenszeichen von deutschen Geiseln

Die Entführer der Deutschen Christina M. zeigen ein Video der Entwicklungshelferin und fordern die Freilassung "unschuldiger Gefangener" aus afghanischer Haft. Der entführte deutsche Ingenieur, Rudolf B., fordert in einem Telefonat mehr Engagement von Kabul.

Entführte Deutsche Foto: AFP
Auf dem Boden sitzend verliest die verschleppte 31-Jährige ihre Botschaft. -Foto: AFP

Kabul 

Einen Tag nach der Entführung der Deutschen Christina M. in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein erstes Lebenszeichen der 31-Jährigen aufgetaucht. Der private Sender Tolo TV strahlte ein Video mit der Geisel und einem der Entführer aus. Christina M. las von einem Blatt ab, dass es ihr gut gehe und sie nicht bedroht werde. Sicherheitsexperten gingen davon aus, dass es sich um die deutsche Geisel handelt. Einer der Entführer trat in dem Video vermummt auf und sagte, die Geiselnehmer gehörten nicht den Taliban an. Seine Gruppierung fordere die Freilassung "unschuldiger Gefangener" aus afghanischer Haft. Ein Lebenszeichen gab es am Sonntag auch von der zweiten deutschen Geisel, dem vor gut einem Monat verschleppten 62-jährigen Rudolf B..

Christina M. war am Samstag verschleppt worden, genau einen Monat nach der Entführung des Bauingenieurs Rudolf B. in Afghanistan. Die Deutsche bat die Bundesregierung in der verlesenen Botschaft um Hilfe und darum, alles für ihre Freilassung zu unternehmen. Christina M., die ein Kopftuch trug, identifizierte sich durch Nennung ihres Namens und der Namen von Angehörigen. Sie hielt Personal- und Dienstausweis der Hilfsorganisation ora international, für die sie in Kabul arbeitet, in die Kamera. Unklar blieb, wann das Video aufgezeichnet wurde.

Christina M. soll schwanger sein

Der Entführer, der vermummt war und eine Sonnenbrille trug, sagte, man tue alles für die Sicherheit der Geisel. Er sprach in der Landessprache Dari. Christina M. identifizierte sich auf Englisch und verlas die Botschaft auf Dari. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte nach der Ausstrahlung: "Der Krisenstab wertet das Video sorgfältig aus." Die 31-Jährige, die schwanger sein soll, war am Samstagmittag vor den Augen ihres deutschen Ehemannes von vier Bewaffneten aus einem Schnellimbiss in Kabul gezerrt worden.

Die sofort eingeleitete Großfahndung blieb zunächst ohne Erfolg. Die Polizei vermutete die Frau, die nach Angaben von ora international aus Süddeutschland stammt, und ihre Geiselnehmer am Sonntag noch in Kabul. Im Westen der Hauptstadt durchsuchten die Beamten Häuser, sagte der Chefermittler der Kabuler Polizei, Alishah Paktiawal. Auf den Ausfallstraßen aus Kabul wurden Straßensperren errichtet. "Wir kontrollieren jedes einzelne Auto", sagte Polizeimajor Shah Agha Noori an der Straßensperre auf der wichtigen Ausfallstraße nach Ghasni.

Ermittlungen in Kabul

Die Polizisten sprächen verschleierte Frauen in den Landessprachen Dari oder Paschtu an, um sicherzugehen, dass es sich nicht um die Deutsche handele, sagte Noori. Im Zweifelsfall würden Frauen entgegen der strengen muslimischen Sitten von den Beamten aufgefordert, ihr Gesicht unter der Burka - dem in Afghanistan verbreiteten Vollschleier - zu zeigen. Die Beamten liefen außerdem Fußpatrouillen, um eine Flucht abseits der Straßen zu verhindern.

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Geiselnehmer seien in einem blauen Toyota Corolla geflohen. Afghanische Geheimdienstoffiziere sagten, sie gingen von einer "kriminellen Bande" aus. Ein Taliban-Sprecher erklärte, die radikal-islamische Organisation habe die Deutsche nicht in ihrer Gewalt. Unmittelbar nach der Entführung wurde eine Polizeipatrouille auf die Tat aufmerksam. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd erschossen die Beamten nach Polizeiangaben versehentlich einen Taxifahrer.

Ein Lebenszeichen gab es am Sonntag auch von der zweiten deutschen Geisel in Afghanistan. ARD-Reporter aus Kabul berichteten, sie hätten am Sonntag telefonisch Kontakt zu dem 62-jährigen Rudolf B. gehabt, der vor gut einem Monat verschleppt worden war. Rudolf B. habe in dem Gespräch gesagt, sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. Er habe gefragt, warum nicht Lösegeld gezahlt werde, damit die Entführung schnell zu Ende gehe. Der Ingenieur habe die deutsche Botschaft in Kabul aufgefordert, sich stärker für seine Freilassung zu engagieren, berichtete die ARD weiter. Die Krisenstäbe im Auswärtigen Amt in Berlin und in der deutschen Botschaft in Kabul arbeiten seit der Geiselnahme des Deutschen mit Hochdruck an dessen Freilassung. (mit dpa)