Afghanistan : Leiche des Deutschen weist Schusswunden auf

Nach dem Tod einer deutschen Geisel in Afghanistan geht das Ringen um das Leben des anderen Deutschen in der Hand der Taliban weiter. Auf den getöteten Ingenieur wurde mehrmals geschossen.

Kabul/Berlin/Seoul Die Bemühungen um das Leben des zweiten ins afghanische Bergland verschleppten deutschen Ingenieurs gehen nach dem Tod seines Kollegen weiter. Ein von den Kidnappern freigelassener Afghane sagte der Polizei, der Deutsche und vier weitere mit ihm entführte Afghanen seien noch am Leben, berichtete der Sprecher des Gouverneurs der in Zentralafghanistan gelegenen Provinz Wardak. Zudem soll es laut Medienberichten am Wochenende einen Telefonkontakt zwischen der noch lebenden deutschen Geisel und einem Mittelsmann der Behörden gegeben haben.

Die Leiche des getöteten deutschen Ingenieurs wurde am Sonntagabend nach Kabul gebracht. "Nach erstem Augenschein durch deutsche Beamte weist der Leichnam Schusswunden auf", bestätigte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger, Berichte afghanischer Behörden. Eine abschließende Aussage zur Todesursache lasse sich "zur Stunde nicht treffen", Der Sprecher des Gouverneurs von Wardak schloss nicht aus, dass der Ingenieur auf einem strapaziösen Fußmarsch durch die Berge Afghanistans zusammengebrochen war und seine Entführer später auf ihn feuerten. Der Leichnam des Mannes soll nun möglichst schnell nach Deutschland übergeführt und dort obduziert werden.

Deutsche Politiker weiter für Afghanistan-Einsatz

In Deutschland wollen Politiker von Regierung und Opposition am Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan festhalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss im ARD-Sommerinterview auch die Entsendung von weiteren Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan nicht aus. Derzeit sind insgesamt rund 3000 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Die Mandate für die Internationale Schutztruppe Isaf und die Tornado- Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr laufen Mitte Oktober aus. Der Bundestag entscheidet vorher über die Verlängerung.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte am Samstag mitgeteilt, die eine deutsche Geisel sei höchstwahrscheinlich an den Strapazen der Entführung gestorben. "Manchmal macht man in solchen Situationen die bedrückende Erfahrung, dass dem eigenen Handeln Grenzen gesetzt sind", betonte Steinmeier. "Wir sind in dieser Stunde vereint in Trauer mit den Angehörigen und Freunden." Die entführten Ingenieure hätten sich für den Wiederaufbau Afghanistans eingesetzt.

Ist eine Stammesfehde Hintergrund der Entführung?

Nach ZDF-Angaben handelt es sich bei dem Toten um einen 44- Jährigen aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern. Die zweite deutsche Geisel soll nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" angeblich aus Ottobrunn bei München stammen. Die beiden sollen für die Baufirma KBC-Kabul Berlin Corporation gearbeitet haben. Sie waren zusammen mit fünf Afghanen am Mittwoch entführt worden.

Beobachter in Kabul schlossen nicht aus, dass eine Stammesfehde Hintergrund der Entführung ist und die Kidnapper es ursprünglich auf den inzwischen frei gelassenen afghanischen Ingenieur Eshak Noorzai abgesehen hatten. Auch deutsche Ermittler glaubten inzwischen an diese Version, berichtete Spiegel online. Noorzai ist der Bruder des stellvertretenden Parlamentssprechers Arif Noorzai und gehört einer prominenten, wohlhabenden und mächtigen afghanischen Familie an.

Koalitionstruppen wollen 23 Südkoreaner befreien

Steinmeier zeigte sich empört darüber, dass das Schicksal der Geiseln von den radikal-islamischen Taliban instrumentalisiert worden sei. Damit bezog er sich auf Äußerungen eines Sprechers der Islamisten, der behauptet hatte, dass die beiden deutschen Ingenieure von den Taliban entführt und nach Ablauf eines an Berlin gerichteten Ultimatums zum Abzug der deutschen Truppen ermordet wurden. Eine entsprechende Mitteilung auf der Internetseite der Taliban wurde bis Sonntag wieder aus dem Netz genommen.

Derweil bereiteten afghanische Sicherheitskräfte zusammen mit Einheiten der US-geführten Koalitionstruppen einen möglichen Einsatz zur Befreiung von in der südlichen Provinz Ghasni verschleppten 23 Südkoreanern vor. Sie umstellten ein Dorf im Bezirk Kara Bagh in der südlichen Provinz Ghasni. "Wir wissen, wo die Geiseln festgehalten werden", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kabul, Sahir Asimi. Da die Geiselnehmer gedroht hätten, die Entführten im Fall eines Angriffs zu ermorden, warte man weitere Einsatzbefehle ab.

Kabul habe zugesagt, keine Militäraktionen zu starten, die das Leben der Geiseln gefährdeten, sagte ein Regierungsbeamter in Seoul der Nachrichtenagentur Yonhap. Die 23 am Donnerstag Verschleppten gehören nach offiziellen Angaben einer christlichen Gruppe an und wollten in Afghanistan medizinische Hilfe leisten. Die Taliban hatten für ihre Freilassung die Entlassung von ebenso vielen Gesinnungsgenossen aus afghanischer Haft und den Abzug der südkoreanischen Truppen aus Afghanistan gefordert. (mit dpa)