Afghanistan : Personenschützer der Kanzlerin unter Anschlagsopfern

Bei dem Mordanschlag auf deutsche Polizisten in Kabul ist nach Medieninformationen ein Personenschützer von Kanzlerin Merkel getötet worden. Er soll sich vorübergehend aus dem Kommando der Kanzlerin nach Afghanistan abgemeldet haben.

HamburgDer 31-jährige Oberkommissar aus Nürnberg hätte nach seinem Afghanistan-Einsatz im Dezember wieder zum Kommando der Kanzlerin zurückkehren sollen, berichtete die "Bild"-Zeitung. Der Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA), dessen Name mit Jörg R. angegeben wurde, hatte Merkel demnach seit Jahren geschützt, auch in der Zeit, als sie noch Chefin der Unionsfraktion im Bundestag war.

Bei den beiden anderen getöteten Polizisten handelt es sich der Zeitung zufolge um den 39-jährigen BKA-Polizeiobermeister Mario K. aus Karlsruhe und den 34-Jährigen Alexander St. aus Baden-Baden. St. gehörte demnach zur Bundespolizei-Eliteeinheit GSG 9. Der einzige Überlebende des Anschlages ist laut "Bild" der Polizeiobermeister Heiko Sch. (35) aus Hannover. Der leicht verletzte 35-Jährige war demnach von der Bundespolizei zum Bundeskriminalamt abkommandiert worden. Nach Angaben aus deutschen Sicherheitskreisen in Kabul waren die deutschen Polizisten gestern in einem kleinen Konvoi aus zwei Fahrzeugen wahrscheinlich auf eine ferngesteuerte Panzermine gefahren.

Diskussion über Afghanistan-Einsatz

Nach dem Tod der drei deutschen Polizisten haben sich Politiker fast aller Parteien in Berlin entschlossen gezeigt, am Engagement in Afghanistan festzuhalten. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), sagte der Oldenburger "Nordwest-Zeitung": "Es wäre falsch, die Diskussion in Deutschland über die Fortsetzung unseres Afghanistan-Einsatzes jetzt nur noch unter dem Licht dieser Anschläge zu führen. Das könnte bei den Tätern zu dem Eindruck führen, dass es nur noch weniger weiterer Anschläge bedürfe, damit Deutschland seine Haltung ändere. Das wäre geradezu eine Ermutigung, neue Anschläge zu verüben."

Der außenpolitische Sprecher der SPD, Gert Weisskirchen, erklärte im Tagesspiegel: "Afghanistan braucht ein Klima der Sicherheit, damit die Afghanen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen können. Für jedes Mädchen, das in der Schule ohne Angst lernen kann, lohnt es sich, dass der Bundestag die dafür nötigen Mandate entscheidet." Eckhart von Klaeden, außenpolitischer Sprecher der Unions-Fraktion sagte, gerade jetzt dürfe Deutschland "an unserer Entschlossenheit keinen Zweifel lassen". FDP-Generalsekretär Dirk Niebel meinte: "Ein Abzug der Bundeswehr wäre jetzt verantwortungslos."

Pofalla: Alle Mandate für Bundeswehr-Einsätze bisher richtig

Auch das Bundeskabinett unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ erneut keinen Zweifel an der Fortsetzung der deutschen Missionen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hofft angesichts der im Herbst anstehenden Entscheidungen im Bundestag über die Verlängerung der Bundeswehr-Einsätze in Afghanistan auf eine Einigung. "Ich bin der Auffassung, dass alle drei Mandate bis zum heutigen Tag richtig waren", erklärte er bei einem Besuch des Bundeswehr-Sanitätskommandos in Weißenfels. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) sagte, er sei ganz sicher, dass die Bundeswehr ihre Aufgaben in Afghanistan auch weiter erfüllen werde.

Die Bundeswehr beteiligt sich mit bis zu 3000 Soldaten an der Nato-geführten Isaf-Mission und hat bis zu 100 Kräfte für die US-geführte Operation "Enduring freedom" (OEF) zugesagt, die zurzeit aber nicht im Einsatz sind. Außerdem beteiligt sich die Luftwaffe mit sechs Tornados an der Aufklärung.

Polizeigewerkschaft fordert neue Bewertung der Sicherheitslage

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert unterdessen eine "grundlegende Überprüfung der Einsätze deutscher Polizisten in Krisengebieten und eine vollkommen neue Bewertung". GdP-Chef Konrad Freiberg erklärte gegenüber dem "Handelsblatt": "Die Sicherheitslage hat sich dramatisch geändert und es werden sich Anschläge und Entführungen häufen." Ausbildung, Ausrüstung, Unterbringung und Betreuung der eingesetzten Polizisten müssten deutlich verbessert werden.

Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Winfried Nachtwei, sprach sich für den Ausbau der europäischen Polizei-Mission Eupol in Afghanistan aus. "An dieser Notwendigkeit ändert sich auch durch diesen fürchterlichen Anschlag ganz und gar nichts", sagte Nachtwei "Netzeitung.de". (mit dpa/AFP/ddp)