Afghanistan : Steuern die Taliban die deutschen Medien?

Welche Macht haben die Taliban in Deutschland? Das Auswärtige Amt warnt davor, dass die Propaganda der afghanischen Islamisten die Schlagzeilen - und damit die öffentliche Meinung - beeinflusst. Wie zum Beweis rief im britischen Fernsehen jetzt ein hochrangiger Taliban zur massenhaften Entführung von Ausländern auf.

Sylvia Vogt

Berlin/KabulWas passiert wirklich in Afghanistan und wer bestimmt die Schlagzeilen aus diesem Land? Verwirrende Meldungen über Entführungen, Kämpfe und Anschläge machen die Lage undurchschaubar. Erst gestern jagte eine Eilmeldung über die angebliche Entführung eines deutschen Journalisten die nächste. Am Wochenende hielt die Nachricht von der angeblichen Hinrichtung der beiden deutschen Geiseln die Nation in Atem. Viele der Meldungen sind auf den Sprecher der radikal-islamischen Taliban, Kari Jussif Ahmadi, zurückzuführen. Oft stellen sie sich im Nachhinein als falsch oder übertrieben heraus. Ihr Ziel erreichen sie dennoch: Die deutsche Öffentlichkeit weiter gegen das Afghanistan-Engagement der Bundesregierung aufzubringen. Laut Umfragen spricht sich inzwischen eine Mehrheit gegen den Einsatz aus.

 "Medienkrieg" nennt das Martin Jäger, der Sprecher des Auswärtigen Amtes. Die Taliban nutzen geschickt die Mittel der Propaganda, um die westlichen Medien und die politische Diskussion in Europa zu beeinflussen. "Wir haben es nicht nur mit der Ebene der Attentate, der Massaker und Hinrichtungen zu tun, sondern wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das Journalisten Medienkrieg genannt haben. Krieg mit Worten," sagte er im ARD-Morgenmagazin.

Deutschland habe es mit "ausgemachten Profis" und "Zeremonienmeistern des Terrors" zu tun, die gezielt die politischen Diskussionen in Europa verfolgen, um darauf Einfluss zu nehmen, betonte Jäger. Es sei auch davon auszugehen, dass sich die Taliban vor dem Hintergrund der Debatte um die Verlängerung des Bundeswehrmandats für Afghanistan jetzt Deutschland zuwendeten.

Taliban informiert über deutsche Medien

 Die Taliban beobachten die deutsche Medienlandschaft offenbar genau. Auf Äußerungen des Auswärtigen Amts komme sehr schnell eine Reaktion aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. "Diese Reaktionen legen immer die Schlüsse nah, dass diese Leute sehr, sehr genau informiert sind über den Stand unserer Debatte und die Medienlage in Deutschland", sagte Jäger.

Ähnlich äußerte sich auch der UN-Sondergesandte in Afghanistan, Tom Koenigs. "Jedes Schwanken wird von denen (den Taliban) natürlich als ein Sieg betrachtet", sagte der frühere Linksradikale und Vertraute von Joschka Fischer. "Jedes Schwächeln irgendeines Staates wird sofort beantwortet."

"Entführt sie, wo ihr sie findet"

Wie zum Beweis wird heute die nächste Verlautbarung der Taliban gemeldet. Der "Militärchef" der Taliban, Mansur Dadullah, versucht via britischem Fernsehen Panik zu verbreiten. In einem Interview mit Channel 4 ruft er zur Entführung von Ausländern aller Nationen in Afghanistan auf. "Ich befehle all meinen Mudschaheddin, Ausländer jeglicher Nationalität zu entführen, wo immer sie sie finden mögen," heißt es nach einer Übersetzung des britischen Senders. Das Ziel sei die Freipressung gefangener Taliban-Kämpfer aus afghanischer Haft.

Bei ihm selbst hat diese Taktik auch schon tatsächlich funktioniert. Er war im März im Austausch gegen den in Afghanistan verschleppten italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo aus dem Gefängnis entlassen worden. Kurz darauf folgte er seinem Bruder Mullah Dadullah, der bei Kämpfen getötet worden war, als "Militärchef" nach.

Channel 4 zeigte in dem Beitrag einen sechs Jahre alten Jungen, der von den Taliban nach Angaben des Senders zum Selbstmordattentäter ausgebildet werden sollte. "Ja, wir wollen Kindern eine militärische Ausbildung geben", sagte Mansur Dadullah. Sie müssten auf den Kampf gegen "Invasoren und Ungläubige" vorbereitet werden. "Wir wollen Kinder dazu nutzen, Ungläubige und Spione zu enthaupten, damit sie tapfer werden." (mit dpa, ddp)