Afghanistan : Zwischen Friedensrat und Großangriff

Die Stammesführer aus Afghanistan und Pakistan verhandeln auf der sogenannten Friedens-Dschirga in Kabul über die grenzüberschreitende Gewalt der Taliban. Währenddessen blasen die Aufständischen zum Großangriff.

Neu Delhi/Kabul Drei Mal in nur fünf Tagen griffen Rebellen die US-Basis "Anaconda" in der Provinz Urusgan an. Nun wartet die US-Armee auf den Versuch der Taliban, den Stützpunkt bei einem Großangriff einzunehmen. Die Attacken sind ein Anzeichen dafür, wie schlecht die Sicherheitslage am Hindukusch ist. Ob die heute beendete Friedens-Dschirga daran etwas ändern wird, ist zweifelhaft.

Nach viertägigen Beratungen hatte neben dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai überraschend auch dessen pakistanischer Amtskollege Pervez Musharraf die rund 650 Stammesführer, Politiker und Religionsgelehrten der Dschirga verabschiedet. Musharraf hatte seine Teilnahme an der Eröffnung der fast ein Jahr lang geplanten Ratsversammlung zum Kampf gegen die Taliban kurzfristig abgesagt - eine Demütigung für Karsai, zu dem er ohnehin ein eisiges Verhältnis hat. Die US-Regierung soll Musharraf nach Medienberichten gedrängt haben, wenigstens zum Ende des Treffens nach Kabul zu reisen und der Versammlung so noch etwas mehr Gewicht zu geben.

Taliban nicht zur Dschirga eingeladen

Den teils verfeindeten Stammesführern gelang es bei der Dschirga, sich auf eine gemeinsame Erklärung zu verständigen. Unter anderem hieß es dort, Ausbildungslager für Terroristen dürften in keinem der beiden Länder geduldet werden. Die radikal-islamischen Taliban hatten die Ratsversammlung, die mit einem Aufruf zu Frieden und Zusammenarbeit endete, als "Verschwendung von Zeit und Geld" abgetan und zu ihrem Boykott aufgerufen. Tatsächlich hatten rund 60 wichtige Delegierte vor allem aus den pakistanischen Stammesgebieten, in denen die Taliban ihren Rückzugsraum haben, ihre Teilnahme abgesagt. Sie hatten das unter anderem damit begründet, dass eine wichtige Konfliktpartei nicht zu dem Treffen eingeladen wurde: Die Taliban.

Karsai kann immerhin als Erfolg verbuchen, dass Musharraf bei der Ratsversammlung deutlich wie selten Pakistans Mitverantwortung am Wiedererstarken der Taliban einräumte. Zwar sagte Musharraf, "die Wurzel des Aufstandes" sei in Afghanistan zu suchen. Es gebe aber Unterstützung für die Taliban aus den pakistanischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. "Es ist unsere Verpflichtung und Verantwortung, nicht zu erlauben, dass diese Unterstützung für Probleme in Afghanistan sorgt." Pakistan gehe es entgegen Anschuldigungen aus Kabul nicht darum, das Nachbarland zu destabilisieren. "Wir wollen Frieden in Afghanistan."

Sind die Taliban geschwächt?

Doch davon ist das Land weit entfernt. Die Nato hat in den vergangenen Monaten zwar immer wieder verkündet, die Taliban seien geschwächt. Als Beleg führte das Bündnis an, die Aufständischen hätten sich von den verlustreichen offenen Gefechten des vergangenen Jahres auf Anschläge verlegt. Die Zusammenstöße in Urusgan, wo die Rebellen den Schlagabtausch mit den hochgerüsteten US-Truppen förmlich suchten, widersprechen der Nato-These nun aber.

Dass die Angreifer bei der ersten Attacke auf "Anaconda" nach Militärangaben mehr als zwei Drittel ihrer rund 75 Kämpfer verloren, hielt sie nicht davon ab, noch zwei weitere Male zuzuschlagen. Die US-Armee sah sich heute zur Mitteilung genötigt, den Rebellen werde eine Eroberung des Stützpunktes nicht gelingen.

Kein Ende des Geiseldramas in Sicht

Wenn auch nicht die Basis "Anaconda", so eroberten die Taliban vor dem Ende der Friedens-Dschirga in Kabul doch erneut die Schlagzeilen. Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi verkündete, die Aufständischen seien bereit, zwei kranke südkoreanischen Geiseln freizulassen - ohne Bedingungen. Großspurig nannte Ahmadi das eine "Geste des guten Willens", von dem seit Beginn des Geiseldramas vor dreieinhalb Wochen wenig zu spüren war: Zwei der Koreaner wurden von den Taliban bereits erschossen. Auch die Ankündigung der Freilassung verknüpfte Ahmadi mit einer Warnung: Nun sei es an den Regierungen in Kabul und Seoul, über das Schicksal der dann noch 19 Geiseln zu entscheiden und die Forderung der Taliban nach einem Gefangenentausch zu erfüllen.

Allerdings folgten Ahmadis Worten von der Freilassung zunächst keine Taten. Als die Delegierten der "Friedens-Dschirga" in Kabul sich am Sonntag auf den Nachhauseweg machten, waren die beiden kranken Frauen immer noch in der Gewalt der Taliban. (mit dpa)