AhA : Warum reißt Papier in eine Richtung?

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Das papierlose Büro? An den Wänden meines Büros klebt Tapete, Bücher und Aktenordner füllen die Regale. Morgens breite ich die Zeitung über papiernen Schreibtischstapeln aus und lese, was andere zu Papier gebracht haben.

Am liebsten sind mir ganzseitige Zeitungsartikel und Einspalter. Nicht zuletzt, weil sie sich am besten ausreißen lassen. Wenn auch Sie ab und an Zeitungsartikel ausreißen, werden Sie bemerkt haben, dass ein Riss in Längsrichtung schnurgerade verläuft, in Querrichtung aber schwer kontrollierbar mäandert. Was ist das für ein verqueres Substrat, auf dem die Nachrichtenvielfalt gedeiht?

Die Presse ist ein Kind des bürgerlichen Zeitalters. Viele Blätter wurden zwischen 1780 und 1870 gegründet. Zur selben Zeit wurde Papier zur Massenware. Statt aus Textilien, den Haderlumpen, stellt man es seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus Holz her. Anders als Lumpen muss Holz chemisch gespalten werden, um daraus jene Zellulosefasern zu gewinnen, die auf einem Papiersieb miteinander verfilzen können.

Bei handgeschöpftem Papier liegen die Fasern ungeordnet. Papier wird heute am laufenden Band hergestellt, der Papierbrei auf ein sich bewegendes Sieb gegossen. „Die Suspension besteht zu 99 bis 99,5 Prozent aus Wasser“, sagt Stephan Kleemann vom Institut für Verfahrenstechnik Papier an der Hochschule München. „Aus dieser Flüssigkeit entsteht das Papier in wenigen Sekunden.“

Eine moderne Papiermaschine entwässert den Brei, während das Sieb mit mehr als 30 Metern pro Sekunde läuft: mehr als 100 km/h. Dabei richten sich die Zellulosefasern vorzugsweise in Bewegungsrichtung aus. Sie sind winzig, aber das Verhältnis von Länge zu Dicke lässt sich mit dem einer langen, dünnen Fichte vergleichen. Treibt ein solcher Baumstamm auf einem Fluss, richtet er sich parallel zur Strömung aus. Wegen dieser Ausrichtung der Fasern reißt Papier in Maschinenlaufrichtung leichter. Eine Folge des hohen Tempos.

In Papiermaschinen stecke heutzutage fünfmal so viel Regelungstechnik wie in einem Jumbo-Jet, sagt Kleemann. „An einem einzigen Tag produziert sie eine bis zu zehn Meter breite Papierbahn so lang wie von Madrid bis Moskau.“ In nur zwölf Tagen wirft sie genügend Papier aus, um den ganzen Globus einzuwickeln. Thomas de Padova

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