AKW-Pannen : Auch in Bayern gab es zahlreiche Störfälle

Nachdem sich der erste Wirbel um die AKW-Pannen bei Vattenfall gelegt hat, kommen neue unangenehme Details über baugleiche Kraftwerke in Süddeutschland ans Licht. In Bayern gab es dem Bund Naturschutz zufolge allein dieses Jahr 16 meldepflichtige Ereignisse.

Grundremmingen
Ebenfalls anfällig: Das Kernkraftwerk Gundremmingen.Foto: ddp

München/BerlinNach der Pannenserie in den norddeutschen Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel haben Naturschützer gleichrangige Fälle im baugleichen bayerischen Atomkraftwerk Gundremmingen aufgelistet. "Die Methode des Tricksens und Vertuschens ist auch in Bayern üblich", sagte der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Hubert Weiger. Die Parallelen im Umgang mit Vorfällen mit dem baugleichen Reaktor Krümmel seien bestürzend, Vorfälle würden teils erst verspätet und unzureichend gemeldet und öffentlich gemacht, Mängel würden nicht sofort beseitigt. Allein in diesem Jahr gab es in den fünf bayerischen Reaktoren demnach 16 meldepflichtige Ereignisse.

"Drei der fünf Reaktoren sind baugleich mit Krümmel", sagte Weiger. Sowohl das Atomkraftwerk Isar I in Niederbayern als auch die Blöcke B und C in Gundremmingen in Schwaben seien Siede-Reaktoren. Erst im Mai dieses Jahres war laut Naturschutzbund in Gundremmingen ein undichtes Brennelement entdeckt worden, das erst elf Tage später gemeldet und zwei Monate später ausgetauscht wurde. Bei dem Brennelementewechsel im Juli seien dann - ohne weitere eigene Meldung - zwei weitere undichte Elemente hinzugekommen. Weiger verlangte erneut eine sofortige Stilllegung aller Atomkraftwerke - dies sei vom Energiebedarf her machbar. "Das einzige sichere Atomkraftwerk ist das stillgelegte Atomkraftwerk." Die Vorgänge in Krümmel, aber auch fast alle Reaktorkatastrophen von Harrisburg bis Tschernobyl hätten gezeigt, dass das Hauptproblem menschliches Versagen sei. Die Risikostudie der Bundesregierung bewerte aber nur technisches Versagen.

Grüne verlangen Abschaltung wegen Terror-Risiken

Die Grünen fordern Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf, Kernkraftwerke der älteren Generation abzuschalten, da diese nicht gegen Terrorangriffe mit Flugzeugen gewappnet seien. "Wolfgang Schäuble weiß sehr wohl, dass die schlimmsten Terroranschläge mit Flugzeugen gegangen wurden", sagte Künast dem Tagesspiegel: "Wenn es ihm wirklich um die Sicherheit ginge, müsste er dafür sorgen, dass die unsicheren Anlagen schnellstmöglich abgeschaltet werden."

Laut Künast beantragte die Grünen-Fraktion bereits im Dezember 2006, die älteste Generation der Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, die nur gegen den Aufprall von Sport- und Kleinflugzeugen, nicht aber gegen den von Verkehrsmaschinen gesichert sind. "Die Regierungsfraktionen haben bedauerlicherweise kein Interesse an dem Thema gezeigt, weshalb der Antrag noch immer im Umweltausschuss des Bundestages anhängig ist", sagte die Politikerin.

 Große Koalition streitet über Umkehr der Beweislast

Nach den Zwischenfällen in den norddeutschen Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel ist in der großen Koalition ein Streit um die Nutzung alter Atommeiler entbrannt. Die Pläne von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), alte AKW früher vom Netz zu nehmen und die Beweislast bei Sicherheitsprüfungen umzukehren, stoßen in der Union auf Widerstand. "Alle Kraftwerksbetreiber unter Generalverdacht zu stellen, weise ich zurück", sagte Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU). Er halte nichts von Gabriels Vorschlag zur Beweislastumkehr. "Auch die Pläne für einen noch schnelleren Atomausstieg lehne ich ab", sagte Kauder und fügte hinzu: "Nicht Alter entscheidet, sondern Sicherheit."

Dagegen stieß die SPD-Forderung nach einer Beweislastumkehr bei den Grünen auf Zustimmung. Fraktionschefin Renate Künast betonte, sie stehe einer Beweislastumkehr bei der AKW-Sicherheit nicht ablehnend gegenüber. Es dränge sich immer mehr der Eindruck auf, dass der AKW-Betreiber Vattenfall die Öffentlichkeit bewusst getäuscht habe. Der Kieler Atomaufsicht warf sie mangelhafte Kontrollen vor. "Angesichts der Mängelliste von Brunsbüttel hätte schon länger entschiedener gehandelt werden können." Dem Energiekonzern müsse die Lizenz zum Betrieb von AKW entzogen werden.

Mehrheit der Deutschen gegen längeren AKW-Betrieb

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt eine über 2021 hinausgehende Nutzung der bestehenden Kernkraftwerke ab. Laut ZDF-Politbarometer sprachen sich 54 Prozent der Befragten gegen eine längere Nutzung der Atommeiler aus. Im März hatten 49 Prozent dagegen votiert. Nur noch 39 Prozent wollen die Atomkraftwerke länger nutzen als es bisher gesetzlich geregelt ist. Im März waren es 44 Prozent.

Am 28. Juni wurden die AKW Krümmel und Brunsbüttel per Schnellabschaltung heruntergefahren. Im AKW Krümmel hatte nach einem Kurzschluss ein Transformator gebrannt. Wenige Tage später wurde bekannt, dass es bei der Abschaltung zu Missverständnissen zwischen dem Schichtleiter und dem Reaktorfahrer kam. Auch das AKW Brunsbüttel ist derzeit wegen Abweichungen an Dübelplatten im Sicherheitssystem vom Netz. (mit dpa/ddp)