AKW-Pannen : Razzia bei Vattenfall

Weil Vattenfall bei der Aufklärung des Zwischenfalls im AKW Krümmel ziemlich unkooperativ war, machte die Staatsanwaltschaft Druck und durchsuchte das Kraftwerksgelände. Inzwischen versucht der Konzern die Wogen zu glätten.

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Undurchsichtig: Das Feuer auf dem Gelände des AKW Krümmel am 28. Juni 2007. -Foto: ddp

KielNach den Zwischenfällen im Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg haben sich Polizisten mit einem Durchsuchungsbeschluss Zutritt zu Leitstand und Büros der Anlage verschafft. Die Ermittler hätten den Reaktorfahrer des Unglückstags befragt, sagte der Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, Klaus-Dieter Schultz. Die Personalien des Angestellten habe der Betreiber Vattenfall den Behörden vor der Aktion nicht geben wollen. "Nach Vorlage der Beschlüsse war die Leitung bereit, den Namen zu nennen. Man hat nicht die Schränke durchwühlen müssen", berichtete Schultz. Derweil forderten Grüne und FDP im Kieler Landtag den Rücktritt der für die Atomaufsicht zuständigen SPD-Ministerin Gitta Trauernicht.

Die Staatsanwaltschaft will den Hintergrund des Trafo-Brandes am 28. Juni aufklären. Damals war Rauch in den Leitstand gelangt, der Reaktorfahrer musste eine Gasmaske anlegen. "Es ist daher nicht auszuschließen, dass er Anzeichen einer Rauchvergiftung wie Reizungen der Schleimhäute, Atemnot oder Ähnliches erlitten hat." Dies könne den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung erfüllen. "Ob der Brand und damit eine mögliche Gesundheitsbeeinträchtigung auf menschlichem Verschulden beruht, müssen die weiteren Ermittlungen, insbesondere die Begutachtung durch Sachverständige des Landeskriminalamts ergeben", hieß es.

Vattenfall weist Vorwürfe zurück

Der für Vattenfalls Atomkraftwerke zuständige Geschäftsführer Bruno Thomauske wies den Vorwurf zurück, sein Unternehmen würde Ermittlungen behindern. "Wir hatten versucht, gestern Abend noch Kontakt mit der Staatsanwaltschaft aufzunehmen." Dies sei nicht gelungen. Es gebe ein schützenswertes Interesse des Reaktorfahrers, das Unternehmen müsse seine Fürsorgepflicht ihm gegenüber wahrnehmen.

Schleswig-Holsteins Justizminister Uwe Döring (SPD) stützte das Vorgehen der Staatsanwälte. "Trotz der Zusage, die Öffentlichkeit umfassend und umgehend zu informieren, verweigert Vattenfall der Staatsanwaltschaft die Einsicht in die Dienstpläne." Auf diese Art die Ermittlungen zu behindern, sei "nicht akzeptabel". Im Landtag fügte er hinzu: "Ich bin fassungslos über so ein Verhalten."

Ministerin von Opposition bedrängt

Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel betonte in einer Landtagsdebatte, sein Vertrauen in die Reaktoraufsicht des Landes sei zerstört. Trauernicht habe es versäumt, dem Betreiber konkrete Auflagen zu erteilen. Nach Ansicht des FDP-Abgeordneten Heiner Garg haben bei der Information der Öffentlichkeit "sowohl Vattenfall als auch Ministerin Trauernicht versagt". Trauernicht gab sich davon unbeeindruckt und betonte, die durch das Atomgesetz gegebenen Handlungsspielräume voll ausschöpfen zu wollen. "Ich lasse mich auch durch Drohungen mit Schadensersatzansprüchen nicht davon abhalten, bestmögliche Sicherheit von Vattenfall zu verlangen", sagte sie. Die Sicherheit der Bevölkerung gehe vor Gewinninteressen des Unternehmens. Krümmel war nach dem Brand automatisch vom Netz gegangen und steht seither still.

Wegen der Zwischenfälle im Atomkraftwerk Krümmel erstatten zudem Umweltschützer Strafanzeige gegen Vattenfall. Aus Sicht des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) besteht der Anfangsverdacht des "Unerlaubten Betreibens einer kerntechnischen Anlage" (Paragraf 327 StGB), sagte die schleswig-holsteinische BUND-Vorsitzende Sybille Macht-Baumgarten. Sie begründete den Vorwurf mit dem Verlauf der Pannen am 28. Juni in dem Meiler. "Es hätte nicht zur automatischen Schnellabschaltung kommen dürfen." Dies deute auf nicht genehmigte Änderungen an Technik oder Abläufen. Die Anzeige sollte noch am Freitag bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe eingehen. (mit dpa/ddp)