Der Tagesspiegel : Albert Einstein: Erika Britzke betreut das einstige Sommerhaus des berühmten Physikers und erforscht dessen Leben

Dietmar Bender

In dem winzigen Zimmer, in dem einst Margot Einstein, eine der beiden Töchter des berühmtesten deutschen Physikers, gewohnt hat, steht völlig unscheinbar eine kleine Tonfigur auf dem Regalbrett. Ansonsten ist das Sommerhaus von Albert Einstein in der kleinen brandenburgischen Gemeinde Caputh fast kahl, von einigen Originalstücken, wie der Badewanne, den ovalen Glaslampen im Bad, einigen Türgriffen und dem originalgetreuen Nachbau seines Schreibtisches, des Stuhls und der Regalwand einmal abgesehen. Sämtliche persönliche Erinnerungsstücke der Familie Einstein sind verloren gegangen, nur jene Puppe aus Ton bildet die Ausnahme. Sie wurde einst von Margot Einstein handgefertigt, das "M" ist an der Unterseite noch eingraviert.

"Nur durch Zufall gelang dieses Originalstück wieder hierher", erzählt Erika Britzke, die 1979, als das Haus zum 100. Geburtstages Einsteins restauriert wurde, die Betreuung des Gebäudes übernahm. Damals traf die studierte Kunsthistorikerin mit Herta Waldow zusammen, die unter ihrem Mädchennamen Schie-felbein sechs Jahre lang bei der Familie Einstein als Haushaltshilfe gearbeitet hatte, auch in jenen vier Jahren zwischen 1929 und 1933, als die Einsteins die Sommermonate in Caputh verbrachten. Herta Waldow bewohnte ein kleines Zimmer, neben dem der Tochter Margot Einstein. "Ich habe mich etliche Male mit der inzwischen verstorbenen Herta Waldow getroffen, und eines Tages gab sie mir diese Tonfigur. Seitdem steht sie in Margots einstigen Zimmer", erzählt Erika Britzke. Bei der Betreuung des Sommerhauses allein blieb es allerdings nicht. Sie vertiefte sich immer mehr in das Leben Einsteins. Sie las alles, was über ihn geschrieben wurde, stöberte in Archiven Deutschlands, den USA und Israels, entdeckte bislang unveröffentlichte Texte, hielt zahlreiche Vorträge, publizierte ihre Erkenntnisse und führt bis heute die Besucher an den Wochenenden durch das geschichtsträchtige Haus. Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche nannte sie sogar "Generalistin" in Sachen Einstein. Kürzlich wurde sie nun für ihre Forschungen zum Leben und Werk Einsteins mit dem Wilhelm-Foerster-Preis der Urania geehrt. Bei der achten Verleihung dieser Auszeichnung durch den Urania-Verein Potsdam, bei der es um das Bemühen von Wissenschaftlern geht, Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, war sie die erste Frau.

Doch trotz aller Ehrungen und Verdienste - ausgelassene Freude will bei ihr nicht aufkommen. Noch immer sind die Eigentumsverhältnisse um das "Paradies", wie Einstein dieses Fleckchen Erde nannte, ungeklärt, und die bauliche Substanz wird von Tag zu Tag schlechter. "Dieser peinliche Zustand macht mich sehr traurig", sagt sie, denn seit der Wende streiten sich die Gemeinde Caputh, die das Sommerhaus als Touristen-Attraktion aufbauen will, das Einstein-Forum als eine Einrichtung des Landes Brandenburg zum Wissenschaftsaustausch sowie die Erben Einsteins um das Grundstück. "Es gibt eigentlich keine optimale Lösung", glaubt die Forscherin. Fakt ist zum Beispiel, dass Albert Einstein nie im Grundbuch stand, dass die Gemeinde das Grundstück 1936 für lächerliche 5000 Reichsmark kaufte, nachdem die jüdische Familie Einstein wegen "staatsfeindlicher und kommunistischer Umtriebe" enteignet wurde. Caputh beruft sich noch heute darauf. Andererseits wollte Einstein nachweislich nie ein Museum über sein Leben. Doch die Öffentlichkeit völlig außen vor zu lassen und das Haus nur zum wissenschaftlichen Austausch zu nutzen, wäre ebenfalls schwierig. Derzeit können Besucher lediglich am Wochenende, jeweils nur in kleinen Gruppen von 15 Leuten, das Haus besichtigen, während wochentags das Einstein-Forum das Gebäude beansprucht.

Außerdem finden Kamingespräche mit Wissenschaftlern, Politikern und Schriftstellern statt. Doch solange der Streit anhält, wird der drohende Zerfall des Hauses fortgeschrieben. "Mein Paradies befindet sich am Havelsee. Es besteht nur aus Holz, sandigem Boden und duftenden Kiefern", schrieb Einstein einst an seinen Neffen Paul Koch. "Aber der zweite Teil des Zitates wird meist weggelassen", kommentiert Erika Britzke und ergänzt: "Leider wacht kein Erzengel vor dem Tore und hält die lästigen Besucher und neugierigen Gaffer ab."

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