Der Tagesspiegel : Allein für die Kleinen

In Südostasien haben viele Kinder ihre Eltern verloren. Die Hilfsorganisationen kümmern sich – und warnen vor Mitleidsaktionismus

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Viele Kinder haben ihre Eltern verloren oder finden sie nicht. Was wird für die Waisenkinder getan?

Zahlreiche Kinder haben bei der Flutkatastrophe ihre Eltern verloren. Viele davon sind ohne ein Zuhause. Mitarbeiter der Hilfsorganisationen berichten, dass nach dem Seebeben in manchen Gegenden obdachlose Kinder allein umhergeirrt seien, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht.

Die Deutsche Welthungerhilfe warnt allerdings dringend davor, Kinder, die in den Katastrophengebieten ihre Eltern verloren haben, aus Mitleid nun nach Deutschland holen zu wollen. „Das wäre eine aberwitzige Aktion“, warnt Simone Pott, Mitarbeiterin der Task Force der Hilfsorganisation, die zurzeit die Helfer der Welthungerhilfe auf Sri Lanka unterstützt. Am besten könnten den Kindern ihre Familien helfen. „Die Familienstrukturen hier sind anders als bei uns. Da helfen Schwägerin, Onkel, Tante, die ganze Großfamilie. Ich habe gerade erst im Krankenhaus ein kleines Mädchen getroffen, die ihre Eltern verloren hat. Ihre Tante war da.“ Andere Organisationen wie die Kindernothilfe versuchen, Familien zusammenzuführen. Mehrere hundert ehrenamtliche Helfer sind dafür im Einsatz.

Gemessen an der Zahl der Opfer gebe es nur eine relativ geringe Zahl von Waisenkindern, sagt Krisenhelferin Pott. Wer von Deutschland aus helfen wolle, solle „gezielt Waisenhäuser unterstützen“. Diese könnten unter Umständen auch anbauen, wenn es nötig wäre. „Auf keinen Fall sollte man diese Kinder aus ihrem Kulturkreis reißen“, sagt Pott. Einzige Ausnahme könnte ihrer Ansicht nach sein, dass einzelne schwer verletzte Kinder, denen im Katastrophengebiet nicht geholfen werden kann, für einige Zeit betreut zur Behandlung nach Deutschland geholt würden.

Auch die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth warnt vor „Mitleidsaktionismus“ und dem vorschnellen Aufruf, Waisenkinder aus dem Katastrophengebiet zu adoptieren. Erst einmal müssten die Helfer vor Ort den Überblick gewinnen, wie viele Kinder elternlos geworden seien. „Es darf keinen Wettbewerb um die auffälligste Aktion geben.“ Es sei im Einzelfall sehr unterschiedlich, was für die betroffenen Kinder am besten sei. Roth erinnerte daran, dass bei dem Erbeben vor einem Jahr in Bam viele Menschen im Iran Waisenkinder adoptiert hätten. Die Grünen-Chefin äußerte grundsätzlich die Hoffnung, dass der „Herzensaktivismus“ nicht in wenigen Tagen abklinge. „Auch in ein bis zwei Monaten brauchen die Menschen dort Hilfe.“

Das Kinderhilfswerk terre des hommes kümmert sich in Indien in Notlagern gezielt um Kinder. Michael Bünte, Koordinator für die Soforthilfe, berichtet, dass es in extra aufgebauten Zelten Milchpulver für Babys, warmes Essen und medizinische Versorgung gebe. Außerdem versuchten Mitarbeiter, die Kinder zu trösten und ihnen zu helfen, Familienagehörige zu finden.

Um die überlebenden deutschen Kinder kümmern sich die Mitarbeiter der Konsulate und Botschaften verstärkt. „Ziel ist es, die Kinder möglichst schnell zu ihren Verwandten zu holen“, sagte Außenminsiter Joschka Fischer. So verständigt auch der Urlaubsanbieter Tui zunächst die Botschaft, wenn in den Urlaubsgebieten Kinder gefunden werden. Erst wenn der Kontakt zu Verwandten in Deutschland hergestellt ist, wird der Rückflug organisiert. Dabei wird darauf geachtet, dass die Kinder nicht unbegleitet im Flugzeug sitzen.

Für die Kinder, die in den Regionen das Seebeben erlebt haben, ist psychologische Betreuung notwendig – ebenso wie für Erwachsene. Nach Ansicht des Traumaexperten Georg Pieper sind Kinder jedoch besonders gefährdet, „weil sie durch derart gravierende Erlebnisse zutiefst verunsichert und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt“ würden. Für deutsche Rückkehrer stehen bei der Ankunft gleich am Flughafen Betreuer bereit, darunter auch evangelische und katholische Notfallseelsorger.

In den nächsten Tagen und Wochen geht es in den Krisenregionen in erster Linie darum, für Erwachsene und Kinder Essen zu kochen, sauberes Trinkwasser zu bereiten, ihnen ein Dach über dem Kopf zu bereiten und – wenn nötig – medizinische Hilfe zu organisieren. Das Deutsche Rote Kreuz stellt sich schon auf einen längeren Einsatz in der Region ein.

Noch sind die Überlebenden außerdem durch Krankheiten und Seuchengefahr bedroht. Auf mittlere Sicht, da sind sich die Hilfsorganisationen einig, muss die Infrastruktur wieder aufgebaut werden, um auch den Kindern in ihrer Heimat wieder eine Zukunft zu bieten. Es werde allerdings dauern, bis Hütten, Schulen und Gesundheitsstationen wieder aufgebaut und die Straßen repariert seien, lautet die einhellige Einschätzung. Sascha Decker, Pressesprecher der Kindernothilfe, fasst es so zusammen: „Wenn wir die Situation insgesamt stabilisieren, stabilisieren wir auch das Leben für Kinder.“

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