Der Tagesspiegel : Alt-Madlitz: Ein "feiner Herr" baut auf

Claus-Dieter Steyer

Fast wie im Märchen: Wenn Karl Wilhelm Graf Finckenstein durch die Straßen des kleinen Dorfes Alt-Madlitz fährt, zeigt er unentwegt nach links und rechts und sagt Sachen wie "alles neu", "vieles privat bezahlt" oder "wird alles noch besser".

Am Straßenrand nehmen ältere Herren den Hut vom Kopf, winken die Frauen, wenn der Graf vorbeifährt. Er habe das Dorf gerettet, finden sie. Auch Ministerpräsident Manfred Stolpe spricht nur in höchsten Tönen von diesem "adligen Pionier". Der Gelobte beruhigt. "Ich versuche nur", so der 78-Jährige, "unseren Familienbesitz wieder in den alten guten Zustand zu versetzen".

Viel Geld machte die vor elf Jahren begonnene Wiedergeburt des Dorfes möglich. Der Graf ist seit 1974 Seniorpartner bei der Privatbank Trinkhaus und Burkhardt, lebt am Chiemsee. Der Mauerfall rückte den verloren geglaubten Familienbesitz im fernen Ostbrandenburg wieder in den Blickpunkt. Im Juni 1990 begab sich der Graf auf die Suche nach seiner Kindheit.

Über 45 Jahre lag der letzte Besuch zurück. Als verwundeter Soldat konnte er wenige Wochen vor dem Durchbruch der Sowjetarmee noch die Evakuierung der Familie und des Dorfes vorbereiten. Nach dem Krieg begann das für den Osten typische Szenarium: Plünderung, Verwüstung, Enteignung, Vertreibung, Bodenreform, LPG. 200 Jahre Herrschaft der Finckensteins in Alt-Madlitz schienen endgültig vorbei.

Dann kam die Wende - und der Graf mit einem Koffer voller Geld zurück. Die Alt-Madlitzer nahmen ihn freundlich auf, "ein feiner Herr", sagt eine Einwohnerin."

In Hunderten Einzelverträgen kaufte Graf Finckenstein den alten Familienbesitz zusammen. Auf die Rücknahme der Bodenreform vor 1949 wollte er sich nicht verlassen. Selbst mit der Treuhand wurde er schnell einig und erwarb 1000 Hektar Wald. "Aus kaufmännischer Sicht waren das keine lohnenden Investitionen", sagt der Graf. "Aber die emotionale Bindung überwog."

Alt-Madlitz veränderte sich. Der Agrarbetrieb des Ortes, den sein Stiefsohn leitet, bietet 20 Jobs. Häuser, Straßen und Fußwege sind in Ordnung, historische Straßenlaternen bestimmen das Ortsbild. Die alten Bewohner des Herrenhauser erhielten neue Wohnungen. In einem Hof gibt es für ein gerade 400 Einwohner zählendes Dorf seltene Räume: ein Gemeindezentrum und Klubräume. Bald beginnt der Bau eines Bürgerparks mit Sport- und Freizeitanlagen. Für die Touristenwerbung entsteht ein Call-Center.

Alle sind mit den Neuerungen indes nicht zufrieden. "Der Jugendclub ist zwar schön und gut, aber die Aufpasserin hat um 19 Uhr Feierabend", erklärt ein 16-Jähriger, der sich mit Freunden an der Bushaltestelle um einen Kasten Bier versammelt hat. Hier wird auch ein bisschen gemosert. "Das ist kein Märchenonkel, sondern ein Raubritter", meint einer der Jugendlichen. "Das sagen meine Eltern, und in der Zeitung hat es auch gestanden." Für zehn Pfennige pro Quadratmeter habe er den Leuten den Boden abgekauft. "Die Leute waren doch froh, ihren Acker oder ihren Wald überhaupt loszuwerden", hält ein anderer dagegen. Noch ein anderer bemängelt, dass der neue Fußballplatz nicht so schön sei wie der alte im Schlosspark, der nun dem Grafen gehört. "Vor allem aber hätten wir uns mehr Jobs vom Grafen versprochen."

Der kennt das Problem und will daran was ändern: An einem idyllisch gelegenen See will er ein Restaurant aufbauen, das Arbeitsplätze bietet. Dort im Wald stehen alte Stasi-Baracken, in denen etwa Spione und Angehörige der RAF, die sich in die DDR abgesetzt hatten, auf eine neue Identität vorbereitet wurden. "Jetzt baut mein Freund auf dem 20 Hektar großen Gelände ein kleines Hotel mit Restaurant und vielen Pferdeboxen." Im Frühjahr soll Eröffnung sein.

Im Rahmen von 300 Jahren Preußen eröffnet in der Angermünder Klosterkirche heute um 16 Uhr die Ausstellung "Adelige Rückkehrer im Land Brandenburg".

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