Alte und Gesellschaft : Würde als Aufgabe

Dagmar Rosenfeld

Vermögenssteuer, Bundespräsidentenwahl, Senkung der Sozialabgaben, Artenschutz, Vorratsdatenspeicherung – es war eine laute, manchmal schrille politische Woche in Deutschland. Doch inmitten all der Aufgeregtheit gab es auch einen Moment zum Innehalten: als Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bei „Beckmann“ von ihrem Vater erzählte. Einst war er ein mächtiger Ministerpräsident, heute ist er ein kranker Mann. Er hat Alzheimer.

Es ist erst wenige Wochen her, da sprach die Ehefrau des Gelehrten Walter Jens in einem Interview darüber, was diese Krankheit aus ihrem Mann gemacht hat. „Er ist nicht mehr mein Mann“, hat sie gesagt. Worte, die berühren, bedrängen, erschrecken – und die Fragen aufwerfen: Ist es richtig, die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen, wie ein Mensch seinen Verstand verliert? Wird diesem Menschen damit nicht endgültig seine Würde genommen?

Das Alter in seiner Vielfalt – seinen Möglichkeiten, aber auch seinen Abgründen – öffentlich zu thematisieren, ist nicht nur richtig. Es ist notwendig. Wir wissen zwar um den demografischen Wandel, haben ihn in Daten und Fakten gefasst. Doch wie wir mit der Entwicklung, die diese Daten und Fakten beschreiben, umgehen sollen – das bekommen wir nicht zu fassen.

Wie hilflos wir dem Altern oft gegenüberstehen, zeigt das Bild, das sich unsere Gesellschaft von den Alten macht. Sie begegnet ihnen stets mit Klischees. Waren es vor ein paar Jahren noch die Tauben fütternden Rentner auf der Parkbank, so sind es heute die jungen Alten: ewig agile Senioren mit glänzendem weißen Haar.

Doch so simpel ist das Altern nicht. Es hat dafür zu viele Facetten. Zu denen gehören auch Gebrechlichkeit, Krankheit und Hilfsbedürftigkeit, erst recht in einer Gesellschaft, in der die 80- bis 90-Jährigen bald den am schnellsten wachsenden Teil der Bevölkerung stellen werden. Wir müssen verantwortungsvoll mit diesen Menschen umgehen, ihnen Raum geben in unserer Gesellschaft.

Doch wie wir diesen Raum gestalten sollen, dass wissen bis heute weder wir, als ihre Familien, noch der Staat. Befriedigende Antworten haben wir nicht gefunden. Der Staat nicht, weil ihm die finanziellen Mittel und Konzepte fehlen. Die Familien nicht, weil sich ihre Strukturen radikal verändert haben. Darauf immerhin haben Wirtschaft und Politik mittlerweile reagiert: Mit Elterngeld, Betriebskindergärten und 750 000 zusätzlichen Kitaplätzen bis 2013 versuchen sie der Realität gerecht zu werden.

Was wir den Jüngsten zugestehen, das muss auch für die Ältesten gelten. Dafür braucht es den öffentlichen Raum. Die Familienpolitik in diesem Land hat sich auch verändert, weil diesem Prozess eine lange, unnachgiebige und öffentliche Diskussion vorausgegangen ist. Genauso unnachgiebig sollte nun über den Umgang mit den Alten diskutiert werden. Wenn der Staat mit dem Elterngeld Familien eine bezahlte Elternzeit ermöglichen kann, warum dann nicht auch eine bezahlte Pflegezeit für Familien, die sich um ihre Alten kümmern wollen? Wenn finanzielle Mittel für Kitaplätze erstritten worden sind, warum dann nicht auch für bezahlbare Heimplätze mit einer angemessenen Versorgung?

Das wären wirklich große Schritte. Aber es geht auch im Kleinen, wie die Mehrgenerationenhäuser zeigen, von denen es 500 in Deutschland gibt. Im sächsischen Zschopau zum Beispiel werden in einem solchen Haus Demenzkranke betreut, von Menschen aus allen Alters- und Berufsgruppen, die das freiwillig und unentgeltlich tun. Die Politik hat für dieses Projekt nur die Rahmenbedingungen geschaffen, lebbar wird es erst durch das Engagement der Menschen vor Ort.

Kurz bevor Ursula von der Leyen über die Krankheit ihres Vaters sprach, hatte sie in Berlin anlässlich des „Tags der Mehrgenerationenhäuser“ über das Miteinander von Jung und Alt gesprochen. Diese Häuser sind ein Beispiel, aber auch eine Herausforderung. Sie zeigen, was wir leisten können. Und müssen.

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