Der Tagesspiegel : Alternative Energien: Woher der Wind weht

Holger Klemm

Der amerikanische Geheimdienst hat Aloys Wobben ausspioniert, und Johannes Rau schüttelt ihm am Sonntag in Potsdam die Hand - beide aus dem gleichen Grund. Wobbens Firma Enercon baut Windanlagen, die mit ihrer fortschrittlichen Technologie Maßstäbe setzen. Wobbens Firma hat nach bislang 3200 Windkraftanlagen mit einer Leistung von 1850 Megawatt Strom gebaut und gehört damit weltweit zu den vier führenden Unternehmen der Branche. Der 48-jährige Diplom-Ingenieur aus Aurich erhält für seine Arbeit als einer von zwei Gewinnern den Deutschen Umweltpreis, der mit einer Million Mark dotiert ist. Wobben habe innerhalb von 15 Jahren aus dem Nichts ein Unternehmen mit 2300 Mitarbeitern aufgebaut und die technische Entwicklung von Windkraft maßgeblich vorangetrieben, hieß es in der Begründung der Umweltstiftung.

Auch in Brandenburg drehen sich seine Rotoren, in Magdeburg werden sie produziert. Das Land liegt bei der Nutzung erneuerbarer Energien etwa im Bundesdurchschnitt. Bis 2010 sollen nach dem Willen des Umweltministeriums mindestens fünf Prozent der Energie aus alternativen Quellen stammen. Das Ziel scheint erreichbar. Im Juni vergangenen Jahres zählte man in Brandenburg 366 Anlagen - Ende Juni 2000 waren es 579. Das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) vom 1. April brachte der Branche Planungssicherheit. Mit 17,8 Pfennigen pro Kilowattstunde (kW/h) über viele Jahre hin bietet das Gesetz starke Anreize zur Förderung der Windkraft. Energiebetriebe wehren sich indessen gelegentlich gegen Windkraftanlagen und verweigern trotz gesetzlicher Verpflichtung die Zahlung des eingespeisten Ökostromes - wie im Falle des Windparks Jacobsdorf durch die e.dis Energie Nord AG im Mai diesen Jahres.

"Windkraftanlagenfreie Räume"

Auch manche Brandenburger sehen die Rotorblätter nicht gerne. Sie bilden Bürgerinitiativen und protestieren gegen die Metallkolosse - manchmal mit Erfolg. Zwischen Parsteiner See und Angermünde formierte sich 1997 die "Interessengemeinschaft gegen Windkraftanlagen" (IG). Eckbert Florian, der Sprecher der IG, bezeichnet sich nach drei Jahren hoffnungslosen Kampfes gegen die Windräder als "Don Quijote von Parstein". Was führt er ins Feld? Landschaftsbild, Tourismus und Landwirtschaft würden durch ein Windfeld beeinträchtigt. Als weiteren Kritikpunkt benennt Florian, dass der Windpark "nur Investoren zu Gute kommt, die nicht in unserem Dorf wohnen".

Andere Bürgerinitiativen verstecken sich hinter den Worten des Umweltschützers Michael Succow. Er ist Professor für Biologie an der Universität Greifswald, Initiator des ostdeutschen Nationalparkprogramms, NABU-Vizepräsident und Träger des Alternativen Nobelpreises. In einem Interview mit der Zeitschrift Rabe Ralf forderte er im August in ökologisch wertvollen Gebieten "windkraftanlagenfreie Räume" und statt dessen die Konzentration der Windparks in Industriegebieten. Besonders gefährdet sei die vom Aussterben bedrohte Großtrappe. Auch wirkliche Umweltschützer bejahen die Windenergie nicht einhellig. Durchgesetzt hat sich die Einzelprüfung der Standorte.

Kohleberg so hoch wie Windmast

Der Bundesverband Landschaftsschutz und andere überzeugte Windkraftgegner ignorieren mit ihrer völligen Ablehnung der Windkraft die Beeinträchtigung von Mensch und Natur auch durch herkömmliche Energiegewinnung: Uranbergbau und Atomkraft bergen Risiken; dem Tagebau fallen ganze Orte zum Opfer, zudem ist die Menge der Kohle begrenzt, der Ausstoß von Kohlendioxid ist unverträglich hoch. Nach Auskunft des Bundesministeriums vermeidet eine Windanlage die Verbrennung einer solchen Menge Kohle, die - als Berg aufgeschüttet - fast so hoch wie die Anlage ist. Ein weiteres Argument der Befürworter von Windenergie ist die Gewöhnung.

Aktien im Aufwind

Solches Gebaren kann den Boom der Windenergie nicht aufhalten. Georg Hetz, Geschäftsführer der UmweltDirektInvest-Beratungsgesellschaft hat noch keinen Windpark so schnell finanziert wie im Sommer in Nechlin. Ein Teil der Anlagen lieferte die Firma Enercon. Die Fonds mit einem Gesamtvolumen von knapp 16 Millionen Mark waren nach sechs Wochen ausverkauft. Im Dezember steht die Finanzierung eines weiteren Windparks in Brandenburg an. Den Ort will Hetz noch nicht nennen - die Konkurrenz wird stärker. Auch an der Börse sind die Aktien der Windanlagenhersteller und -betreiber im Aufwind. Ein Ende ist nicht absehbar. Wenn Windanlagen nach 15 Jahren Laufzeit abgeschrieben sind, werden sie durch leistungsfähigere ersetzt. Als neuer Trend zeichnen sich "Off-Shore"-Windkraftanlagen im Meer ab. Zum Wasser drängt es auch Wobben. Er will mit seinem Preisgeld neue Projekte zur Trinkwassergewinnung aus dem Meer fördern - wieder hat der Musterunternehmer die Nase im Wind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben