Der Tagesspiegel : Altersschwach – aber unentbehrlich

Das Schiffshebewerk Niederfinow schließt drei Monate wegen Reparatur. Ein Neubau ist erst für 2010 geplant

Volker Eckert

Niederfinow. Nadelöhr, so wird das Schiffshebewerk Niederfinow gern genannt. Ein zunächst überraschender Name für das riesige Stahlskelett am Rande des Oderbruchs. Doch über 13 000 Schiffe und Boote sind im Vorjahr in den Wassertrog eingefahren, für größere Kähne ist er mit 85 Metern sowieso zu kurz. Ab kommenden Montag ist das Hebewerk für drei Monate geschlossen: Zwei der Zahnräder, die vom ersten Tag an, also 70 Jahre lang für das Auf und Ab des überdimensionalen Aufzugs zuständig waren, werden wegen Abnutzung ausgewechselt.

Drei Monate wegen zweier Zahnräder? „Zuerst müssen die gesamten Maschinen auseinander genommen werden“, erläutert Rolf Dietrich, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Eberswalde. Die Maschinenräume sitzen oben auf dem Wassertrog, in dem die Schiffe transportiert werden. Drinnen hängt schwerer Ölgeruch in der Luft, auf wenigen Quadratmetern drängt sich ein Durcheinander von Kolben, Zahnrädern, Hydraulikleitungen. Die neuen Zahnräder, jeweils 2,4 Tonnen schwer, werden mit einem Kran eingesetzt, der in gut 50 Meter Höhe auf dem Dach des Hebewerks steht.

Nur 300 PS leisten die Maschinen. Der 4300-Tonnen-Trog ist an 256 Seilen aufgehängt. Durch Gegengewichte am anderen Ende hängt die riesige Wanne nahezu im Gleichgewicht, der Motor muss nur den Anschub bringen. Zugleich ist alles mehrfach gesichert. Zwar ist der Riesenaufzug vor einigen Jahren mal auf halber Höhe stecken geblieben. Die Angst der Passagiere, sie könnten abstürzen, war aber unbegründet.

Winterliche Schließungen – meist um die sechs Wochen - sind dort nicht ungewöhnlich. Dann werden Wartungen durchgeführt, die sonst nicht möglich sind. Die Unterbrechung scheint manchem Mitarbeiter nicht unwillkommen. Manchmal könne das Warten aufs nächste Schiff ziemlich lang werden, erzählt Trogfahrer Günter Dauenheimer. In den nächsten Monaten werden er und seine Kollegen sich ein bisschen um die Anlage kümmern: die beweglichen Teile schmieren, malern, das Schilf auf dem Kanal stutzen.

Die letzten zehn Tage der Pause sind für Probebetrieb eingeplant. Wenn alles klappt, können die Schiffe vielleicht schon in den letzten Märztagen wieder einfahren, hofft Rolf Dietrich. Mit der langen Schließzeit vergrault sich das Hebewerk nämlich die Kunden. Wer zwischen Berlin und Stettin unterwegs ist, muss in den nächsten Monaten einen Umweg von 150 Kilometern über Eisenhüttenstadt auf sich nehmen – was wegen des niedrigen Wasserstandes auf der Oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Manche Firmen wandern da auf Straße und Schiene ab. Trotzdem hofft Dietrich auf mehr Schiffe und Güter. Schon 2003 lief es besser als im Vorjahr. Denn trotz des trockenen Sommers war die Route Berlin-Stettin, anders als Elbe oder Rhein, die ganze Zeit befahrbar: Parallel zur Oder nämlich verläuft ein Kanal, die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Auch für die Zukunft ist Dietrich optimistisch. Die neue Verbindung von Mittellandkanal und Elbe bei Magdeburg macht die Wege von der Oder nach Westdeutschland viel einfacher.

5 Millionen Euro hat der Bund seit 1992 für Reparaturen am Schiffshebewerk ausgegeben. Bis 2025 haben sich diese Investitionen amortisiert. Dann wird etwa 100 Meter entfernt längst ein neues Hebewerk stehen, in das bis zu 110 Meter lange Schiffe hineinpassen. 2010 soll der Bau in Betrieb gehen. Die zurzeit größte Anlage ihrer Art in Deutschland ist zu klein geworden. Als Ergänzung wird das Hebewerk aber noch gebraucht, auch um die Schließzeiten im Winter zu überbrücken. 2025 wird geprüft, ob die Stahlkonstruktion den 4300 Tonnen schweren Trog noch trägt. Einen Abriss des bei Touristen beliebten Bauwerks muss aber niemand fürchten. Als Freilichtmuseum bleibt es erhalten.

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