Der Tagesspiegel : Am Wegesrand ist Herzlichkeit

Drei Monate Glück: Der Schriftsteller Christoph D. Brumme erzählt von seinem Radabenteuer

Christoph Brumme, wie entstand die Idee zu Ihrer ungewöhnlichen Tour?

Im Grunde war es ein Wunsch aus meiner Kindheit. Ich wollte die russische Provinz kennenlernen. Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, sozusagen am westlichen Rand der Sowjetunion, mit russischen Kinderbüchern, und da wollte ich dieses Land mal in Wirklichkeit erleben.

Als Ziel hatten Sie lediglich Saratov in Russland vor Augen, direkt an der Wolga gelegen, rund dreitausend Kilometer von Berlin entfernt. Drei Monate waren Sie unterwegs und übernachteten zumeist im Zelt. Vielfach wurden Sie vor der Tour gewarnt. War’s denn gefährlich?

Nein, es gab keinen wirklich gefährlichen Moment. Und es gab nicht eine einzige Stunde, in der ich diese Reise bereut habe. Sicher, manches war extrem. Wenn ich an die Gewitternächte denke, die Hagelstürme oder den ewigen Gegenwind – das ist nicht schön. Aber dann setzt so eine Art Rekordsucht ein und die Freude, den Willen und die Kraft und die Ausdauer eines Zwanzigjährigen zu entwickeln. Man trainiert, indem man fährt. Muskeln wachsen, indem sie gebraucht werden.

Zunächst tauften Sie Ihr Vorhaben „Reise in die schwarze Mitte Europas“.Warum?

In Deutschland herrscht ja oft die Ansicht, man befinde sich in Mitteleuropa. Tatsächlich ist der Mittelpunkt Europas aber in der Ukraine. Danach habe ich gesucht. Offiziell soll es neun Mittelpunkte Europas geben. Ich habe dann eigene Messungen angestellt, habe den Mittelpunkt Europas auf der Karte verortet und dann festgestellt, dass dort auch eine sehr schöne Bushaltestelle steht, die man unbedingt besuchen sollte.

Viele von diesen kunstvoll gestalteten Haltestellen haben Sie fotografiert. Sie nennen es einmal „eine Kultur der Verschwendung inmitten des Mangels“. Wie haben Sie dieses „Freilichtmuseum Ukraine“ entdeckt?

Eigentlich durch Zufall. Das hat sich bei mir dann zu einer Leidenschaft entwickelt. Diese Spur möchte ich auch weiterverfolgen. Von Naturmotiven über Volkskunst bis hin zur Propaganda finden sich die verschiedensten Darstellungen. Ich möchte auch Fabriken finden, in denen die Mosaiksteine hergestellt werden und dann diesen ganzen Kreislauf darstellen, von der Produktion bis zur Fertigstellung.

Warum heißt das Buch „Auf einem blauen Elefanten“?

Ich bin nicht etwa auf einem blauen Fahrrad gefahren. Mein Fahrrad war schwarz, es hatte 21 Gänge und war ein ganz gewöhnliches, nicht mehr neues Tourenfahrrad. Wenn ich aber so über Land fuhr, haben die Leute oft gestaunt, als würde ich auf einem Elefanten daherkommen. Also auf einem recht majestätischen, auch exotischen Tier. Irgendwie komisch muss ich auch ausgesehen haben. Da taucht plötzlich so ein verschwitzter Kerl unter einem Helm auf und sagt, er käme aus Berlin. Einerseits haben die Leute gelacht über diesen Verrückten, diesen Traumtänzer. Und andererseits warnten sie mich ganz besorgt vor den Gefahren, die angeblich überall im Land lauerten. Tatsächlich erlebte ich das Gegenteil: Immer wieder wurde ich von wildfremden Leuten angesprochen, eingeladen, herzlichst aufgenommen. Das war wie ein Wunder.

Sie berichten auch von den Kulturunterschieden …

Ja, das ist wirklich auffällig. So wie ich die EU verlasse, ab der ukrainisch-polnischen Grenze, da ist die Landschaft nicht mehr normiert. Und die Menschen verhalten sich anders. Es handelt sich um eine grundsätzlich andere Kultur. In unserer Kultur arbeiten die meisten Menschen an Bildschirmen. Dort arbeiten die meisten Menschen körperlich. Bei uns ist die Gemeinschaft schwer zurückgenommen worden in den letzten Jahrzehnten. In Osteuropa ist sie nach wie vor Überlebensbedingung für nahezu alle Menschen. Es ist kaum möglich, als Single zu überleben in Osteuropa. Und ein großer Unterschied ist die Gesprächsbereitschaft: die Bereitschaft zu erzählen.

Ihr Vorteil: Sie können Russisch.

Ich habe die Sprache in der Schule gelernt, war aber ein schlechter Schüler. Als ich 2002 erstmals nach Russland gefahren bin, konnte ich mich vielleicht an zehn Worte erinnern. Inzwischen war ich jedes Jahr wieder da und habe mittlerweile ein gutes Straßenrussisch gelernt.

Ursprünglich hatten Sie gar nicht vor, über Ihre Reise zu berichten. Warum entschlossen Sie sich dann doch dazu?

Mich ärgert die Berichterstattung über Russland und die Ukraine in den deutschen Medien. Das klingt oft sehr klischeebeladen und ignorant. Dagegen wollte ich meine Sicht des Landes und seiner warmherzigen Menschen setzen.

Welche Bilanz ziehen Sie am Ende?

Die Reise war wie eine Offenbarung für mich. Ich war zu meinem Erstaunen drei Monate lang glücklich. Wenn ich es mir finanziell leisten könnte, würde ich zwölf Monate im Jahr durch Russland und die Ukraine fahren. Selbst wenn ich das Fahrrad im Schnee schieben müsste.

Hat die Tour Sie verändert?

Ja, ganz bestimmt. Das Denken verlangsamt sich auf solchen Reisen. Das ist ein faszinierender Vorgang. Es erinnert an tagelange Meditation.

Das Gespräch führte Stefan Berkholz.

Christoph D. Brummes Buch „Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück“ ist im DittrichVerlag Berlin erschienen (19,80 Euro).

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