Der Tagesspiegel : An der Havel wird im Schlamm gestochert Brandenburgs Bürgermeister kämpft um sein Amt

Thorsten Metzner

Brandenburg/Havel - Der Politkrimi in Brandenburg/Havel steuert auf einen Höhepunkt zu: Dirk R., Unterweltgröße, ehemaliger V-Mann des Landeskrimalamtes von 2001 bis 2003 und Bekannter von Bürgermeister Norbert Langerwisch (SPD), steht ab morgen in Potsdam wegen bandenmäßigen Drogenhandels vor Gericht. Der inzwischen beurlaubte Langerwisch muss sich am 26. Januar einem Abwahlantrag in der Stadtverordnetenversammlung stellen. Die Stimmung an der Havel ist so aufgeheizt, dass Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) wie berichtet wegen einer Morddrohung unter Polizeischutz gestellt wurde.

Die Anfänge der Affäre liegen lange zurück. Mitte der 90er Jahre hatte die Havelstadt einen angesehenen Polizeichef, der hart durchgriff und eine der höchsten Aufklärungsraten im Land vorweisen konnte. Sein Name: Norbert Langerwisch. Was nur sehr wenige wussten: Langerwisch hatte einen Tippgeber in der lokalen Unterwelt, Dirk R. Der hatte zwar immer wieder Ärger mit der Polizei – wegen illegalen Waffenbesitzes, wegen Betrugs, wegen Rotlicht-Delikten – aber sein Verurteilungsregister blieb im Vergleich zu seiner Kriminalakte auffällig dünn.

Nun kämpft der einstige Kriminalist Langerwisch, der 2001 Bürgermeister im Rathaus wurde, um sein politisches Überleben. Er hatte seine Kontakte zu R. öffentlich geleugnet. Obwohl ihm dieser im Wahlkampf geholfen hatte, obwohl er selbst es war, der R. dem Landeskriminalamt als V-Mann empfohlen hatte. Als R. im Sommer 2004 festgenommen worden war, fand die Polizei in seiner Wohnung nicht nur umfangreiche Drogen-Bestände – sondern auch 3000 Blanko-Wahlzettel für die vorangegangene Oberbürgermeister- Stichwahl, die Langerwisch gegen Tiemann verloren hatte. Der Verdacht der versuchten Wahlmanipulation erhärtete sich zwar nicht. Doch bestätigte R. in den Vernehmungen, dass er die Wahlzettel als Werbeflyer für Langerwisch einsetzen wollte, den er zusammen mit anderen Unternehmern im Wahlkampf unterstützt hatte. Warum Langerwisch das monatelang öffentlich bestritten hat, kann er sich heute selbst nicht mehr erklären.

„Mit dem würde ich kein Bier trinken gehen“, sagte er damals. Ganz so, als hätte es die Wahlhilfe nicht gegeben und nicht im November 2003 das Dankeschön- Wildschwein-Essen für ein dutzend Unternehmer, darunter R. Und auch nicht die Glückwunschkarte an den „Lieben Dirk“ aus dem Juni 2004, auf der der „Bürgermeister“ diesem „erfolgreiche Geschäfte“ wünschte.

Langerwisch dazu heute: „Es war ein Fehler. Er ist aber kein Grund, mich menschlich zu vernichten“. Einen freiwilligen Rücktritt lehnt er ab. Oberbürgermeisterin Tiemann aber beharrt darauf, ihn abwählen zulassen. Ihr Stellvertreter Langerwisch habe „die Brandenburger belogen“. Ob ihr Antrag am 26. Januar aber erfolgreich sein wird, ist offen. Die Mehrheiten in der Stadtverordnetenversammlung sind knapp, die SPD steht – noch – hinter Langerwisch. Alles hängt von der noch unentschlossenen PDS ab.

Und die Affäre hat längst eine Eigendynamik entwickelt. Inzwischen gerät auch die CDU in den Sog: Ihr Stadtverordnetenvorsteher Friedrich von Kekulé hat vom örtlichen Wachunternehmen Safe – ein Hauptunterstützer von Langerwisch im Wahlkampf – vor Jahren 3000 Euro Honorar erhalten. Er soll als Aufsichtsratschef die Theater GmbH beeinflusst haben, Safe einen lukrativen Auftrag zu geben. Kekulé bestreitet dies. Aber in der Stadt wird mit Spannung erwartet, wie sich Tiemann dazu verhalten wird. Ist sie doch für saubere Verhältnisse in Brandenburg angetreten.

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