Der Tagesspiegel : An der Kandare

Ein Arzt will in Diedersdorf therapeutisches Reiten für Behinderte anbieten. Aber die Gemeinde erlaubt die nötige Halle nicht

Alexander Schäfer

Diedersdorf - Verschandelung des Ortes oder Ignoranz der Gemeinde? In Diedersdorf gibt es Streit um eine Reithalle für Behinderte. Die will der Kinderarzt Jürgen Hochfeld neben seinem Haus bauen. „Hippotherapie“ – das therapeutische Reiten auf besonders gezähmten Pferden – ist für behinderte Menschen gesundheitsförderlich. Dafür braucht Hochfeld Platz, eine Halle muss für diese Anforderung mindestens 20 mal 40 Meter groß sein. Der hintere Teil seines fast 5000 Quadratmeter großen Grundstücks an der Dorfstraße bietet diese Fläche. Doch die Gemeinde ist dagegen.

„Die Halle passt an dieser Stelle nicht in unser Ortsbild“, sagt Bürgermeister Carl Ahlgrimm (parteilos). Das Gelände rund um die geplante Halle ist seit dem Flächennutzungsplanentwurf aus den 90er Jahren als Wohngebiet ausgewiesen. „Das ist absolut unverständlich“, findet Hochfeld. Denn: Rund um das Grundstück ist bare Vorortödnis. Ein Schotterweg markiert eine Straße, ein Kinderspielplatz und ein Friedhof grenzen an das Grundstück. Schräg gegenüber ist die Feuerwehr mit ebenfalls hallenartigen Gebäuden für Löschfahrzeuge. Die Grundstücke neben der geplanten Halle sind unbebaut. Bauland werde in Diedersdorf zurzeit kaum verkauft, gibt Bürgermeister Ahlgrimm zu. Das Dorf liegt in der Einflugschneise des kommenden Großflughafens in Schönefeld.

„Es handelt sich hier um unser Lebenswerk“, sagt Hochfeld. Der seit Mitte der 80er Jahre in Berlin-Zehlendorf niedergelassene Arzt betreut viele körperlich und geistig behinderte Kinder. Hochfeld, dessen Bruder Spastiker ist, will mit der Halle in Diedersdorf auch Berliner Kindern mit Reittherapie helfen. Im Süden Berlins seien derartige Angebote rar, sagt er. Doch die rund zehn Kilometer von der Stadtgrenze entfernte Halle konnte bisher nicht gebaut werden. Schon vor fünf Jahren stellte Hochfeld einen Bauantrag. Der wurde Anfang 2003 abgelehnt. Auch sein Widerspruch wurde von der Unteren Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Teltow-Fläming verworfen. Hochfeld klagte beim Verwaltungsgericht in Potsdam; das Verfahren läuft noch.

„Unsere Gemeinde hat nichts gegen solche Bauprojekte – und schon gar nichts gegen Behinderte“, sagt Bürgermeister Ahlgrimm. Er sieht in dem anhängigen Verfahren allerdings kaum Chancen auf Realisierung. Vor einigen Monaten hatte sich Ahlgrimm das Grundstück genauer angesehen. „Mein persönlicher Eindruck: Die Halle wäre störend und völlig deplatziert.“ Hochfeld will allerdings „keine normale klobige Halle“ bauen, sondern sie mit historischen Glasfenstern versehen. Auch sind Büsche und Bäume vorgesehen, die das 4,50 Meter hohe Gebäude weitgehend verdecken würden. „Die Reithalle könnte man dann nur noch vom Flugzeug aus erkennen“, sagt Hochfeld.

„Wir müssen auch Rücksicht auf unsere Anwohner nehmen“, sagt Ahlgrimm. Doch es gäbe keine große Auswirkung auf das Ortsleben, wenn die Reithalle in Betrieb genommen werden würde, erwidert Hochfeld. „Wenn einige Behinderte auf Pferden in einer Halle reiten, stört das niemanden im Ort“, sagt Hochfeld. Bürgermeister Ahlgrimm wohnt selbst in direkter Nachbarschaft zum geplanten Gebäude.

„Wir haben Herrn Hochfeld eine Alternative angeboten“, sagt Ahlgrimm. Das freie Grundstück steht schräg gegenüber des Wohnhauses der Hochfelds; eine eingezäunte Weide. Auf dieser Koppel grasen auch bereits Hochfelds Pferde, die Familie hat das Grundstück gepachtet. Es befindet sich direkt an der kopfsteingeflasterten Lindenallee der Dorfstraße, in der Nähe des Schlosses Diedersdorf. An der Straße stehen mehrere Schuppen – dementsprechend würde sich die Halle laut Ahlgrimm hier besser einfügen. „Wir müssten für das Grundstück knapp 169 000 Euro ausgeben“, sagt Hochfeld. Er hat das Grundstück auf eigene Kosten schätzen lassen. „Das können wir uns finanziell nicht leisten.“

Der Baurechtsexperte Ulrich Battis wundert sich über das bisherige ablehnende Verhalten der Gemeinde. Er sieht für den Bau der Reithalle „noch einige Chancen“. Bei abermaligem Misslingen vor Gericht kündigt Hochfeld erneuten Widerspruch an. Alexander Schäfer

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