Der Tagesspiegel : An der Tankstelle der Seele

Rolf Kremming

Die meisten fahren mit Tempo 130 an ihr vorbei. Bei einigen allerdings klettert die Tachonadel bei guten Straßenverhältnissen sogar über die 200er Marke. Diese Autofahrer ahnen nicht, wie nah sie damit in diesem Augenblick dem lieben Gott vielleicht schon sind. Pfarrer Hans-Joachim Walzer schüttelt über die Raser manchmal den Kopf. Dann wünscht er sich weniger Aggression und Stress auf der A 13 und mehr Besucher für seine Autobahnkirche an der Abfahrt von Duben. 300 Mitglieder hat die kleine Gemeinde am Rande des Spreewalds. 500 Autofahrer finden monatlich den Weg zum Altar. "Wir sind eine Raststätte für die Seele. Hier kann jeder zwischen 6 und 21 Uhr ausruhen und dann seinen Weg fortsetzen. Fünf Minuten Besinnung reichen oft schon aus, um den Alltagsstress und den Blechlawinenkampf auf der Autobahn zu vergessen", erzählt Pfarrer Walzer.

Gottes Gästebuch liegt gut sichtbar gleich am Eingang der schönen alten Fachwerkkirche. Es ist voller Wünsche und Danksagungen. Kurze kernige Sprüche wie "Ich hab gebetet, Tschüss", stehen neben dem Dank für 40 Jahre unfallfreies Fahren. Anne und Gerold schreiben: "Wir fahren in die Flitterwochen. Danke Gott, dass wir uns gefunden haben." Ein anderer wünschte seiner Mama einen schönen Muttertag. Jutta aus Paderborn bat darum, dass es mit Uwe doch endlich besser funktionieren solle und gleich auf der nächsten Seite steht in kindlicher Schrift: "Lieber Gott, mach dass meine Mutter nicht ausrastet, wenn sie mein Zeugnis sieht." Ein anderer holte sich hier die Kraft für seine bevorstehende Operation. Und Hasso aus Frankfurt/Oder verewigte sich gleich zweimal. Am 3. Mai 1999 schrieb er: "Schade, dass Sie die Holzwürmer in den Kirchenbänken nicht vertrieben haben - wohl fühlen kann ich mich hier trotzdem." Und auf den Tag genau ein Jahr später war Hasso wieder da: "Schade, dass die Holzwürmer euch immer noch treu bleiben."

Pfarrer Walzer schmunzelt während er das Gästebuch Seite für Seite durchblättert. Zwischenduch nimmt er es immer mal wieder mit nach Hause. Bei einer guten Tasse Tee schaut er die Eintragungen durch. "Es gibt Menschen, die sind so einsam, dass sie auf diesem Weg ein Gepräch suchen. Ich helfe gerne, wenn jemand in seelischer Not ist." Und als er jüngst einen Familienstreit schlichtete, bedankten sich die Glücklichen im Gästebuch bei ihm. Aber auch einem Geschäftsmann aus Dortmund, der mit seinem Daimler auf dem Wege nach Dresden war, konnte er auf ungewöhnliche Art helfen. Der hatte seine Geldbörse in der Telefonzelle nahe der Kirche liegen lassen und rief in seiner Not den Pfarrer an. Hajo Walzer setzte sich mit seinem VW in Bewegung und stellte das Portmonee sicher.

Vor 300 Jahren ahnte niemand, dass der gemütliche Fachwerkbau einmal eine Oase der Stille, eine Tankstelle für die Seele werden würde. Damals ritt man mit dem Pferd ins nächste Dorf, fuhr mit der Kutsche oder lief zu Fuß. Es gab keine Verkehrstoten, keine Abgase - und keine Raser. Die kleine Kirche, 60 Meter neben der A 13 gelegen, ist eine von 21 Autobahnkirchen in der Bundesrepublik, eine von Zweien im Land Brandenburg (siehe nebenstehenden Kasten).

"Vom Lenkrad zum Altar", heißt die Devise der Autobahnkirchen. Drei Millionen Menschen suchen hier jährlich ihre Begegnungen mit Gott. 365 Tage im Jahr. Hans-Joachim Walzer ist einer von jenen 20 Autobahnpfarrern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, aus dem Drang zum Ziel eine ruhige Fahrt zu machen. Als gelernter Uhrmacher weiß er mit der Zeit umzugehen. Hast und Hektik meidet er. Nur in der Ruhe liegt die Kraft, weiß der 46-Jährige. Wenn Pfarrer Walzer mit seinem roten Passat von Rasern überholt oder gar geschnitten wird, denkt er im Stillen an das Gebet, das er für solche Fälle selbst geschrieben hat: "Hilf mir, o Gott, beim Fahren, dass ich nichts tue, was andere verletzt oder gefährdet. Mach mich frei von allem Ärger. Schenke mir heitere Gelassenheit, wenn andere mich überholen ... Herr, verlass mich nicht."

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