Der Tagesspiegel : Angst vor den Fans

In Paaren im Glien soll eine von drei Zeltstädten für WM-Gäste entstehen Aber die Einwohner befürchten Randale. Und die Politiker halten sich zurück

Sandra Dassler

Paaren im Glien - „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sei ein schöner Slogan, sagen die rund 600 Einwohner von Paaren im Glien. Aber wenn es konkret wird, möchten sie schon wissen, welche Teile der Welt da zu ihnen kommen: 300 friedliche Japaner oder 300 gewalttätige Hooligans. Zitieren lassen will sich mit diesem Satz niemand in Paaren, aber man hört ihn immer wieder.

Paaren ist ein Ortsteil der Gemeinde Schönwalde-Glien, grenzt an Spandau und macht einmal im Jahr als Austragungsort der Brandenburger Landwirtschaftsausstellung von sich reden. Die findet auf dem 22 Hektar großen Gelände des Märkischen Ausstellungs- und Freizeitzentrums (MAFZ) statt. Und hier sollen während der Fußball-Weltmeisterschaft täglich bis zu 4000 Fans campieren – in Zelten, die sie mitbringen. Oder die ihnen der Veranstalter zur Verfügung stellt.

Veranstalter ist Ulrich Krämer, 43 Jahre alt und Gründer des „Fanprojekts 2006“. Er will an drei Standorten in Deutschland riesige Zeltstädte errichten. Für 18 Euro können vor allem ausländische Fans dort übernachten und zu den Spielen reisen. Und weil die Tickets bekanntlich knapp sind, will Krämer auch Videoleinwände aufstellen und After- Game-Partys organisieren. Es wird Essen und Trinken geben und mancher im Havelland, wo die Arbeitslosigkeit fast 20 Prozent beträgt, hofft auf Arbeitsplätze – auch wenn sie von kurzer Dauer wären.

Doch größer als die Hoffnung auf Jobs sind die Ängste der Paarener. Ihr Dorf ist oft zum schönsten in Brandenburg gekürt worden – und das soll auch so bleiben. Wer aber schützt sie samt ihren preisgekrönten Eigenheimen vor möglicherweise randalierenden Fußballfans? „Wir haben diese Frage oft gestellt“, sagt Hartmut Kurschat, Mitinitiator der Bürgerinitiative gegen die WM-Zeltstadt: „Die zuständigen Politiker und Behörden, ob in der Gemeinde, im Landkreis oder im Innenministerium, haben uns darauf keine Antwort gegeben“. 365 Bürger protestierten bis gestern mit ihrer Unterschrift gegen die Zeltstadt – das sind 75 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung. Bürgermeister Bodo Oehme (CDU) will sich angesichts dieser Übermacht nicht festlegen: Er sei prinzipiell nicht gegen die Zeltstadt. Aber die Sorgen könne er verstehen. In Berlin habe man um das Olympiastadion schließlich auch eine Sicherheitszone eingerichtet.

Auch Landrat Burkhard Schröder (SPD) hat sich bislang nicht eindeutig geäußert. Einerseits möchte er die Einwohner seines Vorzeigedorfes nicht verprellen, andererseits als weltoffen gelten. Seine Verwaltung hat erst einmal Nachforderungen zum Bauantrag für die Zeltstadt gestellt. Veranstalter Krämer ist irritiert: „Gestern sollte der Ortsbeirat von Paaren seine Stellungnahme abgeben. Wenige Stunden zuvor ruft mich das Bauamt des Landkreises an und verlangt, dass ich meinen Antrag auf die Brandenburghalle, die auf dem Gelände steht, ausdehnen soll. Aber da will ich ja gar nichts bauen.“

Erklärungen aus dem Bauamt gab es gestern dazu nicht. Für Ulrich Krämer ist die Nachforderung ein Versuch, die Zeltstadt zu verhindern. Dann will er auf einen anderen Standort ausweichen – wohin, verrät er nicht. Mit dem „Fan-Treff“ in Mendig bei Köln hat er das gerade durch: Dort scheiterte er an Auflagen zur medizinischen Versorgung. Sein eigener WM-Slogan „Willkommen bei Freunden“ lässt sich offenbar nicht nur in Brandenburg schwer mit Leben erfüllen.

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