Anschläge in Großbritannien : "Terror-Import aus Bagdad"

Nach Worten des britischen Premierministers muss sich das Land auf einen langen Kampf gegen den Terrorismus einstellen. Seit Samstag gilt die höchste Terrorwarnstufe. Die Autobombenanschläge trügen die Handschrift von Al Qaida.

Thomas Burmeister[dpa]
Polizei London
Die Polizei in London steht unter besonderem Druck: Heute findet unter anderem ein Gedenkkonzert für Prinzessin Diana mit bis zu...Foto: AFP

LondonZwei Worte kamen heute in britischen Medien häufig vor: "Bagdad" und "Glück". Al Qaida habe "die Taktik von Bagdad in die Straßen Großbritanniens importiert", sagt Lord Stevens, einst Chef von Scotland Yard. "Wir hatte Glück", schrieb der "Sunday Telegraph". Fast nur dieses Glück habe in London und Glasgow "blutige Massaker im Stil Bagdads" verhindert. Das Blatt fügte hinzu: "Glück allein wird künftig nicht genügen."

So sieht das auch Gordon Brown. Erst am Mittwoch hatte der 56-Jährige das Amt des Premierministers von Vorgänger Tony Blair übernommen. Auf Reformen und die Chancen der Globalisierung wollte er sich erklärtermaßen konzentrieren. Nur 48 Stunden später war die Terrorgefahr zum Hauptthema seiner Regierung geworden. Und seit Samstagabend gilt im Königreich die höchstmögliche Terrorwarnstufe.

Wann sie wieder gesenkt werden kann, ist nicht absehbar. Lord Stevens, den Brown zum Terrorismus-Sonderberater ernannte, sieht ein Szenario des Schreckens: Die Hauptgefahr gehe von professionellen Al Qaida-Killern aus - und nicht mehr von "Heimatgewächsen", jenen Jungmuslimen in bürgerlichen Vorstädten, die von Hasspredigern aufgeputscht werden und sich im Internet Anleitungen für den Bombenbau holen.

"Geschult und abgehärtet durch die Blutorgien im Irak "

Geschult und abgehärtet durch die Blutorgien im Irak seien in Großbritannien geborene Muslime inzwischen zurückgekehrt. Deren Handschrift - so Stevens - sei bei den geplanten Autobombenanschlägen der letzten Tage deutlich erkennbar gewesen. Besonders beunruhigend ist für die Polizei und die Geheimdienste MI5 und MI6 offenbar, dass die Ermittler ahnungslos waren.

Dazu Lord Stevens: Die neuen Al Qaida-Männer würden einschlägige ideologische Extremistenkreise meiden, die sich um Hassprediger scharen und unter Beobachtung der Geheimdienste stünden. "Die neuen Rekrutierer halten sich von den Moscheen fern." In einem jedoch scheinen sich Vorstadt-Terroristen und "Importierte" nicht zu unterscheiden: im Hass auf die westliche Lebensweise.

So verweist die "Sunday Times" darauf, dass der Club "Tiger Tiger" nicht zufällig Ziel eines der beiden versuchten Autobombenanschläge in London gewesen sei. In der Nacht zum Freitag sei dort "Ladies Night" angesagt gewesen: "Für Islamisten verkörpern junge Frauen, die trinken, tanzen und es sich gut gehen lassen, alles, was sie am Westen widerwärtig finden." Diese Einstellung habe auch 2002 die Attentäter getrieben, die in einem Nachtclub auf Bali mehr als 200 Menschen umbrachten.

Scotland Yard war ahnungslos

Anders als bei früheren Anschlägen - mindestens 15 sollen in den letzten zwei Jahren verhindert worden sein - hatte Scotland Yard vorab keine Hinweise. Die beiden in Glasgow festgenommenen Männer, die eine Autobombe zwischen hunderten Menschen in der Halle des dortigen Flughafens zünden wollten, sind Geheimdienstlern offenbar nicht bekannt gewesen.

Dagegen konnte die Polizei nach den Selbstmordanschlägen, bei denen am 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn und einem Bus 52 Menschen umgebracht wurden, rasch Fotos und Biografien der in England aufgewachsenen "Rucksackbomber" veröffentlichen. Völlig neu ist das Szenario von Lord Stevens jedoch nicht. Erst im April waren fünf Männer einer Terrorzelle zu lebenslanger Haft verurteilt worden, die unter anderem den Londoner Nachtclub "Ministry of Sound" und ein Shopping Center südlich der Hauptstadt in die Luft jagen wollten. Trainiert hatten sie dafür unter Anleitung von Al Qaida-Profis in pakistanischen Camps.

Einigkeit herrscht darüber, dass Großbritannien immer stärker ins Fadenkreuz des internationalen Terrorismus geraten ist. Die Frage nach dem Warum stellte der BBC-Journalist Andrew Marr dem neuen Premierminister: "Können Sie den Leuten in die Augen sehen und sagen, das Land ist sicherer geworden als Ergebnis dessen, was im Irak geschehen ist?" Browns Antwort erinnerte an das, was sein Vorgänger Tony Blair zu sagen pflegte: Der Rückzug britischer Truppen würde keinen Unterschied machen. Es gehe den Terroristen um die Bekämpfung westlicher Wertvorstellungen, "in Großbritannien wie in vielen anderen Ländern auch".