Apples iPhone : Campen fürs "Jesus Handy"

Am Freitag um 18 Uhr beginnt in den USA der Verkauf des "iPhone", exklusiv nur in Apple- und AT&T-Filialen. Es heißt, die Fans werden vor den Läden campen. Ganz Amerika sei im iPhone-Fieber. Das ist etwas übertrieben.

Christoph von Marschall
iPhone-Warten
Greg Packer wartet in New York vor einem der Apple-Geschäften auf den Verkaufsstart des iPhones. -Foto: dpa

Washington - Der Freitagabend wird ein Albtraum, das weiß Elton im AT&T- Telefonladen im Nordwesten von Washington. Viel mehr aber auch nicht. Am Freitag um 18 Uhr beginnt in den USA der Verkauf des „iPhone“, exklusiv nur in Apple- und AT&T-Filialen. In Deutschland ist es dann Punkt Mitternacht: Gruselstunde.

Wie früh man sich anstellen muss, um Aussicht auf eines der begehrten Geräte zu haben, kann er nicht sagen – angeblich nicht einmal, wie viele sein Laden abbekommt. Oder wann nachgeliefert wird. „Oh, Mann“, stöhnt der weißhaarige Endvierziger. „Die Bosse sagen uns doch auch nichts. Schauen Sie auf die Internetseite von Apple oder AT&T. Mehr wissen wir auch nicht.“ Es heißt, die Fans werden vor den Läden campen. Ganz Amerika sei im iPhone-Fieber. Das ist etwas übertrieben. Trotz Werbekampagne und Artikelflut schauen einen viele Bürger auf die Frage nach dem Kultgerät nur verständnislos an. „Das i-Was, bitte?“ Nicht alle Amerikaner sind Technik-Freaks.

Seit einem halben Jahr hat Apple-Chef Steve Jobs die Neugier geschickt genährt. 69 Millionen Mal wurde auf Google nach dem Begriff gesucht, 4,2 Millionen Mal in der Internetvideobörse Youtube der Kurzfilm von CBS-News über das Gerät aufgerufen. 11 000 Artikel wurden in jüngster Zeit zum iPhone geschrieben. Weltweit wird der Hype mit immer neuen Meldungen angetrieben: Bildschirm-Zulieferer Sharp kommt, heißt es, mit der Produktion wegen des großen Interesses nicht hinterher. Davon profitiere der deutsche Konkurrent Balda, der aber in China erst Kapazitäten schaffen muss. Mal ehrlich: Wie schnell behebt man angeblich dringende Lieferengpässe, wenn ein Werk erweitert oder gar neu gebaut werden muss?

Wie auch immer, der Verkaufsbeginn des iPhone wird generalstabsmäßig inszeniert, wie der Start eines neuen „Harry Potter“ unter Polizeischutz. Der Erfolg hängt ganz wesentlich vom Image ab: Das iPhone als Accessoire für das Styling, als Persönlichkeitsmerkmal. Technisch ist es eine Revolution, aber zugleich auch wieder nicht. Was das „Jesus phone“, wie Blogger es nennen, kann, können auch herkömmliche Geräte: Es ist Mobiltelefon, Terminplaner, Digitalkamera, persönliche Musik- und Fotobibliothek, mobiler Internetzugang, Wecker. Das alles hat Apple in einen einzigen kleinen, schlanken Apparat gepackt, der Treos und Blackberrys plump aussehen lässt. Es gibt keine Tastatur mehr, über die man Telefonnummern oder Texte eingibt. Bedient wird das iPhone über einen berührungsempfindlichen Bildschirm. Die Leichtigkeit des Manövrierens durch die Menüs mit kleinen Fingerbewegungen, wie Millionen sie vom Musikspieler iPod kennen, wird als die eigentliche Neuerung gepriesen. Man könne, berichten manche Medien, alle eingelaufenen Ton- oder Bildnachrichten anzeigen lassen und gleich die vierte anwählen, ohne zuvor die ersten drei anzuhören. Nun ja, US-Handykunden mit Altgeräten mögen das als neu empfinden.

Das Gefühl, einer Kultgemeinde anzugehören, ist wohl unverzichtbar, wenn man einem Massenpublikum 500 bis 600 Dollar aus der Tasche ziehen will für Bedienungskomfort, nicht für eine Anwendung, die zuvor technisch unmöglich war. Vier Gigabyte Speicherplatz hat das Einstiegs-, acht das teurere Modell. Das reicht zum Beispiel für 825, beziehungsweise 1825 Songs. 700 Megabyte braucht allein die Betriebssoftware. Die Monopolpartnerschaft mit einem einzigen Mobilfunkanbieter, AT&T, verhindert Preisnachlässe durch Konkurrenz.

Die Börse hat Steve Jobs’ Strategie bereits mit Kursgewinnen honoriert. Als Computerhersteller stand Apple über Jahre im Schatten von Microsoft. Nach dem Schwenk zur digitalen Musiktechnik dominierte Apple bald den Markt für MP3-Player – so wie Sony einst den für Walkmans. Nun steigt Apple bei Handys ein. Sein Trumpf dabei ist die Integration des beliebten Musikgeräts iPod in das neue iPhone.