Der Tagesspiegel : Arbeit im Zwölf-Stunden-Takt

In den Frankfurter Solarfabriken sollen die Beschäftigten von sechs bis sechs arbeiten – wie in den USA

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Die Solarindustrie bringt nicht nur neue Berufsbilder nach Brandenburg, sondern auch ungewöhnliche Arbeitszeiten. So will das US-amerikanische Unternehmen First Solar beim bevorstehenden offiziellen Produktionsstart seiner Halle in Frankfurt (Oder) zum Zwei-Schicht-System mit einer Arbeitszeit von jeweils zwölf Stunden übergehen. Die Beschäftigten sollen zwei bis drei Tage hintereinander an den Maschinen stehen, um dann die gleiche Anzahl an Tagen freizubekommen. First Solar, größter Hersteller von Modulen zur Produktion von Sonnenenergie in den USA, will die Anlagen in Frankfurt rund um die Uhr und an allen 365 Tagen des Jahres laufen lassen. Jedes zweite Wochenende müssen die Ingenieure, Arbeiter und Angestellten in der Fabrik zubringen. Abrechnungsgrundlage bleibt die 40-Stunden-Woche. Auch die anderen beiden Solarbetriebe in der Oderstadt haben sich für das durchgehende Schichtsystem entschieden.

„Wir sind mit unserer 12-Stunden- Schicht die Vorreiter in Brandenburg“, sagt Roswitha Biermann, Managerin bei First Solar. „Aber damit übernehmen wir nur die erfolgreiche Praxis in unserem amerikanischen Partnerwerk in Perrysburg in Ohio.“ Die volle Auslastung der Anlagen sei der entscheidende Punkt für die Effektivität. Von der Belegschaft gebe es nur positive Resonanz auf das Arbeitszeitmodell. Dadurch könnten die Beschäftigten am Ende sogar mehr Zeit mit ihren Familien verbringen, sagt Biermann. Pro Schicht von sechs bis 18 und von 18 bis sechs Uhr werden an den vier Produktionslinien für so genannte Dünnschichtmodule 90 Kollegen gebraucht.

An Bewerbern für die vorerst 450 bis 500 Stellen mangelt es nicht. First Solar erhielt nach der großen Job-Börse im vergangenen Dezember in Frankfurt etwa 4000 Bewerbungsschreiben aus der ganzen Bundesrepublik und aus dem Ausland. Bei der anderen großen Solarfirma Conergy, die derzeit Maschinen in das Gebäude der ehemaligen Chipfabrik montiert, war es sogar die doppelte Anzahl. Hier sollen in diesem Jahr 400 Menschen einen Job erhalten, mittelfristig sollen es 1000 sein.

Bei First Solar läuft bereits die heiße Testphase vor der im Juli oder August geplanten regulären Produktion. 120 Beschäftigte erhielten dafür eine mehrwöchige Ausbildung in den USA. Wichtigstes Utensil für alle Menschen in der 800 Meter langen und 500 Meter breiten Halle am Stadtrand von Frankfurt wird eine Schutzbrille sein. Die müssen auch alle Besucher tragen, die aus Sicherheitsgründen aber ohnehin nicht in die Nähe der großen Glasscheiben gelangen dürfen. Auf sie werden die Photovoltaik-Zellen aufgetragen.

Untereinander wollen sich die drei Frankfurter Solarbetriebe – Dritter im Bunde ist die vergleichsweise kleine Odersun AG mit derzeit 80 Beschäftigten – nicht machen. „Es wird viele Aufträge geben, die wir sogar gemeinsam erfüllen“, sagte Stefan Heyn, Kaufmännischer Leiter der Frankfurter Niederlassung der Conergy AG. „An einigen Stellen eines Daches passen vielleicht nur unsere Module, an anderen wiederum nur die von Frist Solar oder von Odersun.“

Bei Zuwachsraten von jährlich mehr als 25 Prozent sei aus seiner Sicht ein Ende des Booms in der Solarindustrie noch längst nicht abzusehen. Vor allem weltweit wachse der Bedarf angesichts der Diskussion um den Klimawandel rasant.

Auch die Energierechnung der Solarindustrie selbst stimmt offenbar. Nach Angaben von Stephan Hansen, Geschäftsführer von First Solar, haben sich die Energieausgaben bei der Produktion von Solarzellen schon zwei bis drei Jahre nach der Montage auf Dächern oder auf großen Freiflächen amortisiert. Die Lebensdauer liegt bei mindestens 20 Jahren.

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