Arbeitsmarkt : Chef sucht Mitarbeiter

Wer neben dem Job ein technisches Studium absolviert, hat beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Selina Byfield
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Eine Krise jagt die nächste. Während viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen, werden Ingenieure vielerorts verzweifelt...Foto: dpa

Schaltkreise, Drehmomente, Rotorblätter. Damit kennt sich Andreas Rietzkow aus. Der 29-jährige Elektrotechniker aus Rostock arbeitet in einer Firma für Windkraftanlagen. „Meine Aufgabe ist es, die Schaltpläne an die verschiedenen Standards der europäischen Länder anzupassen“, erklärt er. Wenn nötig, übernimmt er aber auch mechanische Änderungen an den Prototypen. Das Wissen, das er während der vergangenen zwei Jahre in einem berufsbegleitenden Maschinenbau-Studium gesammelt hat, hilft Rietzkow schon heute in seinem Beruf. „Ich arbeite an der Schnittstelle zwischen zwei Bereichen, Fachwissen wird in meiner Branche immer wichtiger.“

Die Technik entwickelt sich weiter – und mit ihr die Anforderungen an die Beschäftigten. Branchenverbände und Forschungsinstitute sind sich einig: Die Jobaussichten für Akademiker in den sogenannten MINT-Berufen sind gut. Für Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker gab es laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft im Juni 61 000 offene Stellen mehr, als Absolventen dieser Fächer arbeitslos gemeldet waren. Mittelfristig drohe sogar ein massiver Fachkräftemangel.

Wer sich durch ein technisches Studium weiterbildet, profitiert nicht nur in Zukunft, sondern schon heute von guten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Techniker, Schlosser, Programmierer und andere Interessenten müssen ihren Job dafür auch nicht kündigen: Staatliche Hochschulen und private Einrichtungen bieten Fern-, Online- und Teilzeitstudiengänge an, die auf Berufstätige zugeschnitten sind. In der Regel stehen sie auch Praktikern ohne Abitur offen.

An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin etwa kann man den „Bachelor of Engineering“ im Fernstudium machen. Hier hat sich auch Andreas Rietzkow für das Fach Maschinenbau eingeschrieben. Während des Semesters lernt er nach der Arbeit ein bis zwei Stunden, am Wochenende mehr. Vor den Klausuren steigt der Stress. „In dieser Zeit muss ich doppelt so viel lernen. Ich kann aber Überstunden machen, die ich vor den Prüfungen abbaue“, sagt er.

Etwa alle zwei Wochen fährt er samstags von Rostock nach Berlin an die HTW. Zweimal im Jahr muss er eine ganze Woche vor Ort sein. Sein Chef unterstützt ihn, indem er ihm dafür Bildungsurlaub genehmigt. „Man muss das mit dem Arbeitgeber abstimmen, sonst schafft man das nicht.“

Die Beuth-Hochschule für Technik (BHT) Berlin setzt auf das Konzept E-Learning. In den Bachelor-Studiengängen Medien- und Wirtschaftsinformatik sowie Wirtschaftsingenieurwesen bekommen die Studenten statt Papierstapeln Zugang zu einer Online-Lernplattform. „Beispielsweise durch Animationen, kleine Filme, Hörbeiträge sowie interaktive Selbsttests wird der Stoff am PC aufbereitet“, erklärt Studienorganisator Henning Baudach. Präsenzveranstaltungen finden nur viermal im Semester statt. Dafür gibt es regelmäßige Webkonferenzen. Über ein spezielles Programm können die Studierenden dann live am Bildschirm verfolgen, wie der Professor mathematische Kurven zeichnet.

Für Andrea Kuschan, 36, ist das Lernen via Internet eine gute Möglichkeit, Beruf, Studium und Familie miteinander zu vereinbaren. Die Mutter zweier Töchter arbeitet als Softwareentwicklerin bei einer Firma in der Niederlausitz. Während die meisten ihrer Kollegen einen akademischen Abschluss haben, ist sie eine Quereinsteigerin: Als gelernte Fachverkäuferin hat sie eine Umschulung zur Programmiererin gemacht.

Um auch künftig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, hat sie neben dem Job ein sechsjähriges Studium der Medieninformatik begonnen. „Natürlich ist es anstrengend, sich nach der Arbeit erst um die Kinder zu kümmern und dann noch zu lernen. Aber mein Mann und ich teilen uns Haushalt und Erziehung.“

Gute Arbeitsteilung ist das eine. Für Andreas Rietzkow und Andrea Kuschan waren aber auch die Kosten ein wichtiges Kriterium. So verlangt die HTW für das Bachelorstudium 427 Euro pro Semester – Lernmaterial inklusive. An der Beuth-Hochschule kommen zu den üblichen Semestergebühren von knapp 100 Euro noch 78 Euro pro Studienmodul hinzu. Andrea Kuschan schafft durchschnittlich drei und zahlt so etwa 330 Euro im Halbjahr.

Sind private Bildungsanbieter im Spiel, wird das Studium teurer. An Tüv-Akademie Rheinland zum Beispiel kostet das Fernstudium der Fächer Elektrotechnik und Maschinenbau 1 850 Euro pro Semester. Dafür wirbt die Akademie mit kurzen Studienzeiten: „Wir haben speziell aufgearbeitete Lehrbücher, deren Inhalt klausurrelevant ist. Die Studenten können nach neun Semestern ihren Bachelor-Abschluss schaffen“, erklärt Sandra Klein.

Wem das Selbststudium nicht liegt, der kann an der privaten bbw Hochschule einen ingenieurwissenschaftlichen Bachelor im Bereich Metall und Elektro in Teilzeit machen. Die Vorlesungen finden zweimal wöchentlich abends in Berlin, Frankfurt (Oder), Hamburg und Prenzlau statt.

Schickt ein Berliner Arbeitgeber einen Mitarbeiter auf Firmenkosten an die bbw, richten sich die Gebühren nach der Betriebsgröße: Kleine und mittlere Unternehmen zahlen 94,50 Euro im Monat, größere Unternehmen 126 Euro. Das ist möglich, weil der Studiengang neuerdings aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und vom Land Berlin gefördert wird. Wer sich auf eigene Rechnung einschreibt, zahlt monatlich 315 Euro. Die staatliche Anerkennung der Abschlüsse ist bei beiden Anbietern gesichert.

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