Archäologie : Auf der Spur der Katzenmumie

Stephan Seidlmayer ist neuer Chefarchäologe in Kairo - und rückt in eine Schlüsselposition der deutschen Ägyptenforschung

Martin Gehlen

Als Jugendlichen faszinierte Stephan J. Seidlmayer eine ägyptische Katzenmumie im Museum seiner Heimatstadt Würzburg. Er wollte mehr wissen. Seit dreißig Jahren bereist und erforscht Seidlmayer nun das Land am Nil. Am 1. Mai wird der 52-Jährige neuer Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo. Als Nachfolger von Günter Dreyer rückt er in eine Schlüsselposition der deutschen Ägyptenforschung.

Seidlmayer lernte 1978 als Student das Grabungshandwerk im östlichen Nildelta. Richtig gefunkt habe es aber erst durch die Begegnung mit der mittelalterlichen islamischen Architektur in Kairo, mit Monumenten wie der Sultan-Hassan- und Ibn-Tulun-Moschee. „Diese muslimischen Kultbauten waren für mich die eigentliche Brücke nach Ägypten“, sagt Seidlmayer. Die pharaonischen Tempel seien dagegen ein Gegenstand wissenschaftlicher Faszination, doch emotional habe er zu ihnen kein Verhältnis.

Einzig der Anblick der Pyramiden von Giseh, „der haut mich jedes Mal wieder um“. Die Pyramiden seien leicht verstehbare Zeichen, die vor 4000 Jahren so atemberaubend gewirkt hätten wie heute. Tempelbauten dagegen seien kompliziert und voraussetzungsreich. „In ihnen ist sehr viel kodiert, was wir heute nur noch mit großer Mühe entziffern oder wiedergewinnen können.“

Geboren 1957 in Würzburg, studierte Seidlmayer Ägyptologie, Klassische Archäologie und Alte Geschichte. 1986 promovierte er in Heidelberg bei Jan Assmann, der durch seine religionsgeschichtlichen Studien zu Ägypten weit über das Fach hinausreichende Impulse gesetzt hat. 1994 habilitierte er sich in Berlin mit einer Arbeit über Ausgrabungen auf der Insel Elephantine nahe Assuan. Seit 2000 leitet er die Grabungen an den Pyramiden von Dahschur, die rund dreißig Kilometer südlich von Kairo liegen. Bis zu seiner Berufung nach Kairo lehrte Seidlmayer an der Freien Universität Berlin. Sein neue berufliche Heimat, das Deutsche Archäologische Institut Kairo, ist auf der feinen Nilinsel Zamalek in einer Villa aus den 30er Jahren untergebracht. 1907 vom Nofretete-Entdecker Ludwig Borchardt gegründet, gehören sechs Jahrtausende ägyptische Geschichte von der ältesten Vorzeit über die pharaonische Kultur bis zur islamischen Epoche zum wissenschaftlichen Spektrum des Hauses.

Das Institut will Seidlmayer stärker zu einer Brücke zwischen Kairo und Berlin ausbauen. So sollen künftig mehr ägyptische Archäologiestudenten als bisher in Deutschland studieren. Der DAI-Chef will die Entwicklung „einer im vollen Umfang selbstständigen ägyptischen Archäologie“ unterstützen. Die besondere Verantwortung seines Faches gegenüber Ägypten ergebe sich aus „den Dingen, die in kolonialer Zeit verdorben worden sind“.

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