Archäologie : Jenseits von El Dorado

In Amazonien, wo das mythische Gold vermutet wird, stehen Forscher vor neuen Rätseln. Wer schuf dort gigantische Grabenanlagen?

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El Dorado, „der Vergoldete“, war ein Ritual bei einem Indio-Stamm in Amazonien, bei dem jeder König vor seiner Thronbesteigung mit Goldstaub bepudert auf einem Goldfloß in die Mitte eines heiligen Sees fuhr, um dort Edelsteine, Geschmeide und Goldgefäße im Wasser zu versenken. So erzählte es 1537 ein Indio einem spanischen Offizier. Wann und vor allem wo die Goldversenkung stattfand, blieb so vage, dass Abenteurer und Forscher seit 500 Jahren auf dem halben südamerikanischen Kontinent danach suchten – voller Gewissheit, aber ohne Erfolg. Aus dem goldgepuderten Mann wurde eine Stadt, ein Reich, ein goldener Mythos.

Der taucht zuverlässig auch auf, wenn von modernen archäologischen Arbeiten und Funden im Amazonasgebiet berichtet wird. Manche Forscher setzen dabei das Reizwort gezielt ein, um Schlagzeilen zu erzeugen. So auch vor kurzem als die Entdeckung rätselhafter Ringwallanlagen am Südrand des Amazonas publiziert wurde. Sofort war von „Städten im Urwald“ oder „Hochkulturen im Dschungel“ die Rede. Es geht um die durchaus spannende Frage, ob es neben der Hochkultur der Inka in Peru Zivilisationen im lebensfeindlichen amazonischen Tiefland gegeben hat. Also dort, wo nach Inka- und Spaniermeinung nur Barbaren hausten. Dort, wo sich nach wissenschaftlicher Auffassung Zivilisation und komplexe Gesellschaften gar nicht entwickeln konnten. Dort, wo nach der unausrottbaren Legende das Goldland Eldorado lag.

In einem riesigen Gebiet mit rund 1200 Kilometer Ost-West-Ausdehnung entlang der heutigen brasilianisch-bolivianischen Grenze werden seit einigen Jahren auffällige Erdbauten aus Gräben und Wällen untersucht. „Die Ringanlagen liegen dicht bei dicht, auf nahezu jeder Anhöhe gibt es eine, und sie sind seit 50, 60 Jahren bekannt“, sagt Heiko Prümers, Bolivien-Experte des Deutschen Archäologischen Instituts. Er gräbt selbst eine solche Anlage aus. Plastisch zu sehen bekam man die rätselhaften Erdbauten erst durch den Kahlschlag im amazonischen Urwald, der den Blick jetzt frei machte für Satellitenspäher und Flugzeugkameras.

Es tauchten Strukturen mit mehreren hundert Metern Durchmesser auf, meist rund, oft aber auch quadratisch oder vieleckig. Umgeben sind diese eindeutig künstlichen Anlagen von Gräben, deren Aushub zu Wällen aufgeschüttet wurde. Was auch immer das darstellte – hier wird eine Gemeinschaftsleistung erkennbar, Arbeitsteilung und ein planender, vielleicht herrschender Kopf. Vor allem amerikanische Wissenschaftler propagieren in solchen Fällen gern und schnell „Stadt“ und „Staatlichkeit, Zivilisation und Hochkultur“. Der vorgefassten Idee werden oftmals die archäologischen Fakten untergeordnet. Details zu Keramikfunden und zu den Datierungsproben werden nicht mitgeteilt, so dass sie nicht überprüfbar sind. Da jedoch schnell und in Englisch publiziert wird, erringen solche Forscher oft die Meinungsführerschaft für Jahre, ja sogar Jahrzehnte. Was also ist dran an den aktuellen „Sensationen“ aus dem Dschungel?

Die brasilianische Archäologin Denise Schaan von der Universität von Pala in Belem hat mit ihrem finnischen Kollegen Martti Pärssinen bislang über 200 runde, vier- und dreieckige Grabenstrukturen entdeckt – über Google Earth. Vor Ort haben die Forscher einige Gräben vermessen, im Schnitt kommen sie auf elf Meter Breite und ein bis drei Meter Tiefe, die Durchmesser der eingeschlossenen Ringanlagen schwanken zwischen 90 und 300 Metern. Sie nennen ihre Erdbauten aus unerfindlichen Gründen „Geoglyphen“ (Erdzeichen).

Eine archäologische Grabung hat das finnisch-brasilianische Team noch nicht durchgeführt. Das Alter ihrer „Geoglyphen“ setzen sie offenbar willkürlich auf 2000 bis 700 Jahre an, geschaffen habe sie eine entwickelte Gesellschaft. Die beiden Archäologen haben bislang nur eine einzige C-14-Datierung (aus dem 13. Jahrhundert) vorgelegt. Sie rechnen mit 60 000 vorspanischen Einwohnern allein für ihre Region, obwohl sie noch nicht ein Haus, geschweige denn eine Siedlung ergraben haben.

Der amerikanische Ethnoarchäologe Michael J. Heckenberger von der Universität von Florida in Gainesville hat 1200 Kilometer östlich von Schaans Ringanlagen in einem Indianerreservat am Xingu-Fluss ähnliche Erdbauten ausfindig gemacht. Breite Straßen führten aus den Anlagen zu anderen Plätzen. Heckenberger propagiert deshalb ein Siedlungsmuster von befestigten Zentralorten, Satellitenstädten und Dörfern. Er bezeichnet diese Form mit dem sozial und kulturhistorisch fest umrissenen Begriff „Gartenstädte“ aus dem England des 19. Jahrhunderts. „Diese Siedlungsmuster bilden eine ‚galaktische’ Form von prähistorischer Urbanität“, erklärt Heckenberger.

Die C-14-Datierungen aus den „galaktischen“ Anlagen spreizen sich über fast ein Jahrtausend, von 600 bis 1500 n. Chr., was für eine wissenschaftliche Beweisführung etwas vage ist. Besiedelt, so mutmaßt Heckenberger, war die Region in vorspanischer Zeit von 50 000 Menschen, jetzt leben dort noch 3000 Menschen. Daraus leitet Heckenberger eine politische Botschaft ab: „Wenn es ehedem möglich war, eine erheblich größere Bevölkerung als heute zu ernähren, kann das auch erneut gelingen. Im Einklang mit der Natur, nicht durch Ausrottung der tropischen Umwelt.“

„Das Gegenteil von Wissenschaft: politische Meinungen in wissenschaftlichem Gewand, aber ohne Grund und Daten in die Welt zu setzen“, kritisiert Archäologe Heiko Prümers. Der Prähistoriker von der Bonner DAI-Zweigstelle „Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (KAAK)“ müht sich seit zwölf Jahren, in Bolivien handfeste, nachprüfbare archäologische Grundlagen zu legen.

Seine Ringwallanlage liegt nordöstlich von Trinidad, etwa in der Mitte zwischen den Fundplätzen von Heckenberger und Schaan. Im Gegensatz zu den beiden vermaß der Bonner Forscher sein Untersuchungsgebiet mit einem hochauflösenden GPS, das eine dreidimensionale Aussage über das Gelände hervorbringt. Dabei stellte er schnell fest, dass seine Ringwallanlage beim Dorf Bella Vista nur ein kleiner Teil eines Wallgrabensystems mit insgesamt einem Kilometer Durchmesser ist.

In dieses Erdwerk sind mindestens sieben kleine Ringwallanlagen mit Durchmessern von 100 bis 150 Metern eingegliedert. Durch jeweils eigenen Graben und Wall sind sie als Sonderzonen ausgewiesen. Eventuell handelt es sich dabei um Friedhöfe, wie die Gräberfunde in der ersten untersuchten Anlage andeuten. Das Gesamtsystem hat ein Gefälle von sieben Metern, die Rinnen können also nicht als schützende Wasserkanäle gedient haben. Prümers abgesicherte C-14-Datierungen verlegen den Erdbau in die Zeit zwischen 1200 und 1400.

Das ist das, was der Ausgräber als wissenschaftlich gesichert bekannt gibt. Prümers ist überzeugt, dass seine rätselhaften Ringgrabenanlagen mit den „Gartenstädten“ und „Geoglyphen“ von Schaan und Heckenberger korrespondieren. Ein Austausch der tatsächlich vorhandenen wissenschaftlichen Fakten mit den beiden Teams fände er deshalb spannend. Eine solche Kommunikation sei aber bislang nicht zustande gekommen.

Sie ist vielleicht auch schwierig, denn Prümers interessiert weniger, ob die Bauwerke in Amazonien nun Stadt, Staat, El Dorado beziehungsweise eine Hochkultur repräsentieren, sondern die Frage: Warum entstehen in einem so riesigen Gebiet ziemlich plötzlich und zeitgleich solche Anlagen?

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