Der Tagesspiegel : Archaische Welten hinter schweren Eisengittern

Die Kellergassen sind die zentralen Stätten der bäuerlichen Weinwirtschaft

August F. Winkler

Wer Wien, die Wachau, Rust oder andere österreichische Weinregionen besucht, kann sich selbstverständlich damit begnügen, seinen Durst in den Heurigen-Lokalen oder Weinbistros zu stillen. Reizvoller ist es freilich, dem Wein entgegen zu gehen, dorthin wo seine Wurzeln sind, wo er entsteht. Das ist ein Weg, der direkt in die Kellergassen führt, eine österreichische Spezialität, die im weiten Rund um Wien, insbesondere im Weinviertel und hinein bis ins tiefe südliche Burgenland höchst lebendig ist. Kellergassen sind keine Weinstraßen, sondern außerhalb der Dörfer die zentralen Stätten der bäuerlichen Weinwirtschaft – gleichsam Orte ohne Kirche. In mehr als tausend Kellergassen von Absdorf bis Zöbing und von Weißenkirchen über Purbach bis Eisenberg und Heiligenbrunn reiht sich ein Weinkeller an den anderen, insgesamt sind es über 30 000, in denen noch heute Wein bereitet wird.

Die kleinen Gebäude, die oft bloß eine Eingangstüre haben und offensichtlich nicht bewohnt werden, sind nur Eingänge in tiefer im Boden gelegene, oft weitverzweigte Kellersysteme, in denen der Wein ausgebaut und gelagert wird. Diese Zweckbestimmung erklärt auch die oft kunstvoll gearbeiteten Lüftungsgitter aus Holz neben den Eingangstüren, aber auch die schweren Eisenschlösser, mit denen diese Weinburgen verschlossen sind: archaische Welten, zeitlos.

Wenn der Winzer arbeitet, sind die Türen meist offen, und es entströmt dem Keller eine weinduftig durchwobene Kühle. Drinnen werden Flaschen gewaschen und gefüllt, Holzfässer geschrubbt oder Winzer sitzen mit Besuchern beisammen, plaudern über den neuen Jahrgang und verkosten Wein. Fremdlinge sind in der Regel willkommen, in einigen dieser Winzerhäuser wird einem auch eine deftige Jause angeboten, in jedem Fall jedoch ein Glas Wein - und das ist das genüssliche Sesam-öffne-Dich, die rituelle Einladung, das Haus zu betreten.

Vor einigen Jahren noch waren viele dieser Kellergassen in einem ziemlich vernachlässigten Zustand. Dächer und Lüftungsgitter zerfielen, die Gemäuer bröckelten melancholisch, weil sich etliche Weinbauern moderne Kelleranlagen bauten. Doch allmählich werden die Kellergassen als malerische Zeuginnen der Weingeschichte erkannt, die touristisch attraktiv sind und auch wirtschaftlich eine Zukunft haben.

Gäbe es eine Hitliste der Kellergassen, so würde die Wildendürnacher Gasse, die sich rund um den „Galgenbühel“ schwingt, ebenso vorne platziert sein wie das Unterstinkenbrunner Kellerviertel mit den säulengestützten Vordächern, die Guntersdorfer Gasse in ihrem Märdie chenwald oder die am „Rochusberg" bei Mannersdorf, wo gleich sieben Kellergassen zeilenförmig übereinander laufen und 120 Preßhäuser in die Unterwelt führen. Was heute für den Besucher malerisch ist, hat eine interessante Geschichte. Manche Winzerdörfer liegen seit Jahrhunderten an Flüssen in der Ebene, die Reben wachsen aber an den Hügeln. Wegen der Überschwemmungsgefahr hatten die Winzer es vorgezogen, die Häuser in der Ebene nicht zu unterkellern und stattdessen gemeinsam eine Gasse in Hügellage auszugraben. Insofern sind die Kellergassen auch ein faszinierendes Zeugnis landschaftsgerechten natürlichen Bauens. August F. Winkler

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