Archehof : Leben und überleben lassen

Ein Heim für das Rauwollige Pommernschaf, das Schleswiger Kaltblutpferd und das Walkhuhn. Bedrohte Nutzierarten und alte Pflanzensorten werden auf einem Archehof in Brandenburg bewahrt. Gäste sind willkommen.

Andreas Wilhelm
Dicke Sau
Glückliche Sau. Detlef Wunsch zeigt Kindern, wie artgerechte Haltung funktionert. -Foto: Andreas Wilhelm

Hardenbeck/GreiffenbergDafür, dass es vom Aussterben bedroht ist, sieht das Bentheimer Schwein auf dem Bauernhof von Detlef Wunsch ziemlich entspannt aus. Es lässt sich sogar das Hinterteil von ihm rubbeln. „Das könnt ihr auch“, ruft Detlef Wunsch, und die Kinder steigen zu ihm durch den Zaun – etwas zaghaft, denn die rund gefütterte Sau, die sich dort im Dreck suhlt, ist etwa zwölf Mal so schwer wie ein einzelnes Kind.

Das Bentheimer Schwein ist nur eines der vier bedrohten Haustierrassen, die auf Gut Falkenhain in Hardenbeck Zuflucht gefunden haben. Das Rauwollige Pommernschaf, das Schleswiger Kaltblutpferd und das Walkhuhn – alle drei bei Detlef Wunsch zu Hause – teilen ihr Schicksal mit dem Schwein. Sie passen wegen ihrer Eigenarten nicht in die moderne Agrarwirtschaft und würden aussterben, wenn es nicht Leute wie Detlef Wunsch gäbe. „Da drüben die Kaltblutpferde zum Beispiel“, sagt der Ex-Berliner, „von denen waren 1955 noch 20 000 Zuchtstuten in Deutschland eingetragen“. Dann sank ihre Zahl bedrohlich. In den 70er Jahren habe es gerade noch 40 gegeben. „Die Landwirte bekamen Traktoren und brauchten keine Zugtiere mehr“, erklärt Wunsch. Sieben der Kaltblüter leben heute auf dem Gut Falkenhain und ziehen die Kutsche mit Kindern durch die hügelige Landschaft fernab stark befahrener Straßen. Dabei erklärt Wunsch seinen Passagieren, wie Natur und Landwirtschaft miteinander funktionieren sollten. Ohne Chemiekeule oder Antibiotika. Er zeigt ihnen Kröten, Lurche, Eidechsen und Ringelnattern, die in der Wiese leben, erzählt am Lagerfeuer von Abenteuern mit Fuchs und Dachs. Und er erklärt ihnen, was es bedeutet, Tiere artgerecht zu halten.

Das nämlich ist eine wichtige Voraussetzung für einen Archehof, der von der Gesellschaft für Erhaltung alter Haustierrassen (GEH) zugelassen werden muss. 1995 hat die GEH die ersten Arche-Höfe zertifiziert, über 80 gibt es mittlerweile. „Wir haben sehr viele Anfragen von Leuten, die das auch machen wollen“, sagt Antje Feldmann, Geschäftsführerin der GEH. „Jedes Jahr kommen acht bis zehn neue Höfe hinzu.“

Fünf Arche-Höfe gibt es mittlerweile in Brandenburg, einen in Berlin-Dahlem. Auf den meisten Anwesen können Familien Urlaub machen, ihre Kinder reiten lassen, die Produkte frisch vom Hof genießen und den Unterschied zwischen modernen und traditionellen Agrarprodukten kennenlernen. „Früher wurde ein- und dasselbe Rind noch als Zugtier, zum Milchgeben und als Fleischlieferant genutzt“, sagt Antje Feldmann. Heute undenkbar: „Ein an Kraftfutter gewöhntes Hochleistungsrind würde zusammenbrechen, wenn es Gras fressen müsste, weil es nicht genügend Nährstoffe bekäme.“ Hühner, bei denen mit künstlichem Licht die Eierproduktion gesteigert wird, Schweine, die wegen der Gefahr von Krankheiten hermetisch abgeriegelt sind – was in unmittelbarer Nachbarschaft normal ist, wirkt auf dem Archehof in Hardenbeck wie eine Horrorvorstellung. Ob Schwein, Pferd oder Huhn – „die Tiere können hier ihre Verhaltensmuster ausleben“, sagt Detlef Wunsch. Jedenfalls so lange, bis sie geschlachtet werden. Das sollen die Kinder nicht unbedingt sehen. Weil auf Gut Falkenhain aber alle Türen offen stehen, kann auch das vorkommen, sagt Wunsch. „Die Kinder verkraften das oft besser als ihre Eltern.“

Was der Archehof für die Tiere, ist 40 Kilometer weiter östlich, in Greiffenberg, ein Refugium für vom Aussterben bedrohte Nutzpflanzen. Er ist angelegt wie ein botanischer Garten mit Hinweisschildern. Kartoffeln etwa wachsen hier, wie die französische Sorte „La Ratte“, die erst neuerdings wieder öfter in Mode gekommen ist. Auch Knollen wie „Reichkanzler“ oder „König von Preußen“ erfreuten sich mal großer Beliebtheit. Allenfalls Rentner dürften sich an ihren Geschmack erinnern. Tomaten wie die stabförmige „Saint Pierre“ oder die gestreifte „Black Zebra“ sucht man selbst in den exlusivsten Bio-Läden umsonst. Der einzige Weg, von den fast vergessenen Feldfrüchten noch einmal zu kosten, ist, sie selbst zu züchten. Der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen, kurz Vern, verkauft als Betreiber des Hofes das Saatgut. „Es darf allerdings nicht gewerblich genutzt werden“, sagt Vereinsmitarbeiterin Karin Koch. Das Bundessortenamt überwache genauestens, was in Gemüse-Regalen landet. Hobbygärtner dürfen die Samen allerdings mitnehmen oder sich per Post schicken lassen.

Bereits vor 12 Jahren haben sich eine Handvoll Leute auf dem Gelände der ehemaligen DDR-Blumengärtnerei daran gemacht, „die Letzten ihrer Art“ am Leben zu erhalten. Mittlerweile sind es über 300 Mitstreiter. Viele seien zahlende Mitglieder, lassen sich einmal pro Jahr blicken, sagt Antje Koch. Einige kommen öfter und ernten die Samen der über 300 Sorten, die auf dem rund 4000 Quadratmeter großen Grundstück wachsen. Allein 80 verschiedene Kartoffel- und ebenso viele Tomaten- und Getreidesorten sind in dem Schaugarten zu sehen. Dazu Zierpflanzen, Kräuter und Gewürze, Gemüse und Obst.

In den Schränken des Vereins lagert zudem der genetische Schatz von insgesamt rund 1000 weiteren seltenen Sorten. Alle haben eins gemein: Sie passen nicht in die heutige Lebensmittelindustrie. Sie halten sich nicht so lange wie hoch entwickelte Produkte, lassen sich nicht so leicht ernten oder glänzen nicht genug. Bestes Beispiel, sagt Antje Koch, ist die Pimpinelle, die Urform der Petersilie. „Sie schmeckt viel intensiver, sieht aber nicht so schmackhaft aus.“ Eine Tomate im Supermarkt müsse rot sein, bedauert Antje Koch. „Niemand würde eine schwarz- grün gestreifte kaufen.“

Gut Falkenhein, Falkenhain 1, 17268 Boitzenburger Land, Ortsteil Hardenbeck. Kontakt unter Tel. 039889-276 oder 0172-300 99 55. Im Internet: www.gut-falkenhain.de. Informationen über die Archehöfe in Deutschland im Internet unter www.g-e-h.de.

Vern e.V. Burgstraße 20, Greiffenberg. Öffnungszeiten bis Mitte September: Montag bis Freitag 8–16 Uhr, Sonnabend 10–16 Uhr. Sonstige Beratung und Führungen nach Vereinbarung. Kontakt unter Tel. 033334-702 32. Im Internet: www.vern.de.

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